Away (2019)

Away (2019)

  1. 75 Minuten

Filmkritik: Escape the giant

I want to ride my motorcycle!
I want to ride my motorcycle!

Ein Junge erwacht nach einem Flugzeugabsturz als einziger Überlebender auf einer Insel. Mit dem Fallschirm in einem einsamen Baum in der Wüste hängend, kann er sich in letzter Sekunde aus der misslichen Lage befreien, kurz bevor ein schwarzer, träger Riese ihn verschlucken will. Er rennt davon, wird jedoch vom geisterhaften Riesen verfolgt, bis er einen Steinbogen durchquert, unter welchem der Riese stehen bleibt. Der Junge findet in einem orangen Vogel einen treuen Gefährten, entdeckt zudem ein Motorrad und später einen Rucksack mit Karte, Schlafsack, Fernrohr, Trinkflasche und Motorradschlüssel.

Ain't nothing gonna stop me!
Ain't nothing gonna stop me!

Mit dem Motorrad fährt er aus der kleinen Oase, welche er gefunden hat, durch den Steinbogen zurück, denn um zum einzigen Dorf auf der Insel zu finden, muss er diese gänzlich durchqueren. Seine abenteuerliche Reise führt ihn durch Wälder, Salzwüsten und über die verschneiten Berge, er trifft auf verschiedene Tiere. Immer auf der Flucht vor dem schwarzen Riesen, welcher sämtlichen Lebewesen die Energie zu entziehen scheint, welche sich ihm in den Weg stellen.

Mit begrenzten finanziellen Mitteln und total eigenständig produzierte Gints Zilbalodis die dialoglose Animations-Fabel Away. Fabel deshalb, weil die Grenze zwischen Realistischem und Übernatürlichem immer wieder gebrochen wird, seltsam pulsierende Riesen-Wesen vorkommen, welche sich von Energie anderer Lebewesen ernähren. Die Welt noch einmal durch funkelnde Kinderaugen zu sehen und nicht alles verstehen zu müssen, scheint die Devise des Regisseurs zu sein.

Ein Animationsfilm ganz ohne Dialog? 2016 präsentierte der holländische Regisseur Michaël Dudok de Wit seine fantastische Studio Ghibli-Produktion La Tortue Rouge, einen Animationsfilm über einen Schiffbrüchigen auf einer einsamen Insel, umgeben von Schildkröten, Krabben und Vögeln. La Tortue Rouge war in zweierlei Hinsichten beachtenswert: Erstens sollte es den Abschluss des Studio Ghibli darstellen und zweitens kam der 80-minütige Film komplett ohne Dialog aus. Away, das Langfilmdebüt des lettischen Regisseurs Gints Zilbalodis, tut es ihm gleich: 75 Minuten dauert die Reise des namenlosen Jungen, ohne dass dabei ein Wort gesprochen worden wäre. An die Qualität eines Studio Ghibli kommt der Film, welcher durch und durch von Zilbalodis produziert wurde - inklusive Soundtrack und Schnitt -, natürlich bei Weitem nicht heran.

Die Story vermag zu überzeugen, es findet eine Auseinandersetzung mit psychischen Vorgängen, wie Flucht, Angst oder inneren Unruhen statt, welche der Junge während seiner Reise durchlebt. Er versucht ihnen wie einem schlechten Traum zu entfliehen und muss feststellen, dass sie - in Form des schwarzen Riesen - nicht so einfach abzuhängen und ihm dauernd auf den Fersen sind. Dabei verschwimmen Realität und Imagination, Away wird zu einem Märchen, oder doch zu einem Alptraum?

Mit beinahe meditativer Ruhe werden Bilder von Naturgewalten eingefangen, lange Einstellungen prägen den Film, welcher laut Regisseur eigentlich ein Kurzfilm hätte werden sollen. Gegliedert in vier Kapitel, durchlebt der namenlose Junge die verschiedensten Gefühlslagen, lässt die Vergangenheit Revue passieren, stellt sich mutig seinen Ängsten, alles mit ausdrucksloser Mimik. Sein Gesicht besteht aus weit aufgerissenen Kulleraugen, welche Faszination für alles auszudrücken scheinen.

Hier sind wir dann bei der Schwachstelle von Away: Die Technik der Animation wirkt seltsam. Die Diskrepanz zwischen den animierten, beinahe zweidimensionalen und flachen Tieren und Menschen und den dreidimensionalen, mit viel Tiefe versehenen Hintergründen (wobei auch hier grosse Unterschiede bestehen) ist zu markant. Der Sternenhimmel oder die Reflexionen im Salzsee sind hyperrealistisch gehalten, während beim Lama oder Elefanten kaum auszumachen ist, wo der Körper beginnt und wo der Kopf aufhört. Ebenso der Junge selbst, welcher stark stilisiert nur noch wenige Details aufweist.

Dass hyperrealistische Hintergründe gewählt werden, ist im Animationsfilm ja keine Seltenheit; zudem orientiert sich der Film bewusst an Game-Animationen - als besondere Einflüsse nennt Zilbalodis die Game-Klassiker Journey und Shadow of the Colossus. Über die hölzerne Gangart der Riesen oder die unnatürlichen physikalischen Bewegung von Materialien (Wasser oder Sand, welche wie eine Eisfläche wirken) kann so getrost hinweggesehen werden, denn diese Widrigkeiten natürlicher Gesetze verleihen der Produktion noch etwas mehr den Charme und den Charakter eines Märchens.

/ yab