The Assistant (2019/III)

The Assistant (2019/III)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Weinstein nicht, wenn der Regen fällt

16. Zurich Film Festival 2020
«Ich hasse Tequila Tuesday.»
«Ich hasse Tequila Tuesday.» © Forensic Films

Jane (Julia Garner) ist in der Industrie ihrer Träume angekommen: dem Filmbusiness. Doch anstatt des Glanzlichtes roter Teppiche oder Cocktailpartys bedeutet das für sie vor allem am frühesten Morgen im Büro anzukommen, Drehbücher für die Mitangestellten zu kopieren oder Proteinshakes für den Chef zu mixen. Doch auch an Auseinandersetzungen am Telefon mit dessen Ex-Frau und sonstigen Liebschaften mangelt es nicht. Der kleinste Fehler in ihrem Verhalten wird ihr um die Ohren geschmissen, ein Danke erhält sie sowieso nur höchst selten.

«Jane, wieviel Schweigegeld habe ich letztes Jahr nochmal gezahlt?»
«Jane, wieviel Schweigegeld habe ich letztes Jahr nochmal gezahlt?» © Forensic Films

Dazu kommt, dass Jane nur als «Assistentin» wahrgenommen und von ihren Arbeitskollegen in keiner Weise ernst genommen wird. Gleichzeitig bietet der Job eine einmalige Chance für Jane, und eine Kündigung könnte fatale Folgen haben für sie. Und auch von ihrem Chef erhält sie stetig Versprechungen, die sie an der Stange halten. Zieht sie einen Schlussstrich unter ihre jetzige Lage oder lässt sie sich doch nicht von den schlechten Arbeitsbedingungen unterkriegen?

The Assistant ist ein toll inszeniertes Bürodrama, das als klare Antwort auf die #MeToo-Debatte fungiert. Julie Garner trägt die volle Last des Films gekonnt auf ihren Schultern und überzeugt als gute Castingwahl. Ein spannender Einblick in eine Industrie, in der nicht nur auf den Leinwänden, sondern auch in den Büroräumen ein täglicher Kampf um die eigene Jobposition herrscht.

Der Name wird zwar nie explizit erwähnt, aber man kann sich vorstellen, wer der ungenannte Chef von Jane sein könnte. 2017 wurden die jahrelangen Missbrauchs- und Vertuschungsversuche des bekannten Filmproduzenten Harvey Weinstein durch einen «New York Times»-Artikel an die Öffentlichkeit gebracht. Den meisten wird bekannt sein, dass dies die #MeToo-Debatte zur Folge hatte, in deren Zusammenhang mehrere Hollywood-Grössen wegen sexuellen Übergriffen angeklagt worden.

The Assistant ist als Produkt ebendieser Debatte zu sehen. Ein Einblick, wie junge Frauen durch ihre mindere Assistenzposition von Chefs wie Weinstein genötigt werden. Der Film macht dies jedoch zumeist auf sehr subtile Art und Weise, ohne auf plakative Hilfsmittel zurückzugreifen. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass es in dieser Art wirklich in den betreffenden Büros stattgefunden hat und traurigerweise wohl auch jetzt noch stattfindet.

Julie Garner zeigt als Jane eine beachtliche Leistung. Nur schon durch ihre Mimik und Gestik macht sie den täglichen Bürohorror klar erkennbar. Üblicherweise würde die Rolle der Assistentin nur nebensächlich eingeführt. Hier jedoch ist während der gesamten Filmdauer der Fokus auf ihre Figur gerichtet, während die «Big players» zu Nebenerscheinungen degradiert werden.

Die Zuschauer leiden richtig mit Jane mit und wünschen ihr nichts mehr, als dass sie aus diesem schrecklich anmutenden Tagesgeschäft entfliehen und einen Job ergattern kann, in welchem ihre gute Arbeit auch eine entsprechende Würdigung erhält. Das Werk von Kitty Green, welche sowohl für Regie als auch für Drehbuch verantwortlich ist, zeigt auf intelligente Weise, wie eine ambitionierte junge Frau durch Versprechungen und Zukunftsträume innerhalb einer Machtstruktur gefangen bleibt. Entweder man erträgt und akzeptiert, oder man fällt und verliert.

Olivier Nüesch [oli]

Olivier schreibt seit 2012 für OutNow. Begonnen hat seine Filmleidenschaft schon sehr früh mit dem CGI-freien «Dschungelbuch». Mit der Gemütlichkeit probiert er es als Popkulturfreak nun jedoch auch mithilfe von Serien, Games, Büchern und Comics.

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