Anna (2019)

Anna (2019)

  1. ,
  2. ,
  3. 119 Minuten

Filmkritik: La Femme Anna

Bang bang, my baby shot my down.
Bang bang, my baby shot my down.

1990: Anna (Sasha Luss) scheint es geschafft zu haben. Noch vor Kurzem arbeitete sie an einem Matrjoschka-Stand in Russland und nun befindet sie sich als angesagtes Model in der Modehauptstadt Paris. Doch ihr kometenhafter Aufstieg ist kein Zufall, sondern vom russischen Geheimdienst KGB eingefädelt. Anna ist Geheimagentin und kommt mit ihrem hübschen Gesicht an Leute ran, an die man nur schwer herankommt. Anna erfüllt ihre Aufgaben zuverlässig, denn sie möchte - wie ihr versprochen wurde - in fünf Jahren aus dem Spionage-Geschäft aussteigen.

«Nein, ich möchte die Krankenversicherung nicht wechseln!»
«Nein, ich möchte die Krankenversicherung nicht wechseln!»

Doch in der Welt der Agenten und Spione ist nichts sicher und Situationen können sich schnell ändern. Das erfährt auch Anna auf schmerzhafte Art und Weise. Schon bald muss sie sich nicht nur Sorgen wegen der CIA und ihren Agenten Miller (Cillian Murphy) machen, sondern auch um die eigenen Leute; um ihre Chefin Olga (Helen Mirren) und ihren Kontaktmann und Liebhaber Alex Tchenkov (Luke Evans).

Luc Bessons Anna ist ein ziemlich cooler Agenten-Thriller, der mit einer starken Heldin und gut choreographierten Kampfszenen zu überzeugen weiss. Leider hält Besson den Zuschauer nicht für sehr intelligent und erklärt jeden noch so kleinen Twist bis ins Detail. Dies erklärt auch die aufgeblähte Laufzeit von 119 Minuten. Unterhalten wird man aber trotzdem gut.

Luc Besson ist mit Ausnahme von vielleicht Léon nicht gerade für subtile Filme bekannt. Er klotzt lieber, anstatt zu kleckern, tut dies aber jeweils handwerklich absolut hervorragend. In Anna ist das ein weiteres Mal zu sehen. Der Agenten-Thriller, der sich beim ersten Hinhören wie eine Neuauflage von Bessons La Femme Nikita anhört, ist mit seinen vielen Twists deutlich näher bei Atomic Blonde - ohne jedoch die Klasse von David Leitchs Charlize-Theron-Action-Knaller zu erreichen.

Denn Besson hält sein Publikum anscheinend nicht für sehr schlau. So erklärt er jede noch so kleine Wendung minutenlang, auch wenn das bedeutet, dass wir viele Szenen zweimal zu sehen bekommen. Auch Zeitsprünge kündigt er lieber deutlich an, man könnte den Zuschauer ja verwirren. So tauchen im etwas umständlich erzählten Film etwa alle 20 Minuten Texttafeln auf, die klarmachen, wie viele Monate wir soeben vor- oder zurückgesprungen sind. Anstatt die Bildsprache anzupassen, drückt einem Besson den Wechsel lieber voll ins Gesicht. Kann man so machen. Ziemlich peinlich hingegen sind die Dialoge zwischen Protagonistin Anna und ihrer Geliebten, die sich eigentlich immer nur um Sex drehen. Als hätten zwei junge verliebte Frauen nichts anderes zu besprechen!

Kann man diese Dinge jedoch ausklammern, serviert einem Besson weitgehend durchaus ansehnliches Actionkino. Herausragend ist eine mehrminütige Kampfszene in einem Restaurant, die sich rein von der Inszenierung und der Choreographie her nicht vor einem John Wick 3 - Parabellum zu verstecken braucht. Auch sehr hübsch ist eine Kill-Montage zum INXS-Hit «Need You Tonight».

Aber eben: Anna ist kein reiner Baller-Film, sondern ein Agenten-Thriller mit allem, was dazugehört: Verrat, Täuschungen und Verführungen sind Teil dieser brutalen Welt, in der ein Menschenleben nicht viel bedeutet. Auch wenn sie mit dem Megaphon erklärt werden, überzeugt der Grossteil der Twists und Sasha Luss gefällt in ihrer ersten grossen Hauptrolle. Das russische Supermodel war übrigens schon in einem kleinen Part in Bessons zu Unrecht gefloppter Space-Opera Valerian als Alien zu sehen.

In Anna muss sie vor allem eine toughe Figur spielen, der offenbar selbst ein Dutzend bewaffneter Leute nichts entgegenzusetzen hat. Das ist zwar nicht realistisch, spielt aber in diesem überhöhten Spionage-Karusell keine Rolle. Denn unterhaltsam ist das Ganze auch aufgrund einer kratzbürstigen Chefin (von Oscarpreisträgerin Helen Mirren mit Genuss gespielt). Ein Aufeinandertreffen der starken Luc-Besson-Frauenfiguren Nikita, Lucy und Anna würden wir uns auf jeden Fall ansehen.

/ crs

Kommentare Total: 2

chepp

Outnow-Wertung: 4 Sterne, NZZaS: 1 Stern, Rotten Tomatoes: 28% Critics, 82% Audience... Ich hatte keine grossen Erwartungen, fand ihn aber schlussendlich trotzdem einfach schlecht.

Dass die Russen alle Englisch sprechen würden wusste ich ja schon vorher, aber dass ein "russischer" Dialog so anfängt, dass der eine Russe den anderen Russen fragt, ob er denn Englisch könne, und dann der Dialog auf "englisch" fortgeführt wird, weil die Antwort "ja" ist... Ahrgh. Und dann trotzdem einige Szenen auf Vollrussisch? Was soll'n das? Da schau ich mir das ganze doch lieber synchronisiert an, dann ist es wenigstens konsistent.

Inhalt? Story? Nix. Wenigstens 90% geile Action, um das Defizit zu kompensieren? Fehlanzeige. Nun ja, ich bin nicht rausgelaufen, drum gibt's 2 Sterne. Aber knapp.

crs

Filmkritik: La Femme Anna

Kommentar schreiben