And Then We Danced (2019)

And Then We Danced (2019)

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  3. 105 Minuten

Filmkritik: Tanzen ist nicht sein ganzes Leben

Wer tanzt mit wem?
Wer tanzt mit wem? © cineworx

Der in einer georgischen Stadt lebende Merab (Levan Gelbakhiani) hat ein ambitioniertes Ziel: Er möchte als Balletttänzer ins Georgische Nationalensemble aufgenommen werden. Als in der Tanzschule bekannt wird, dass eben jenes Ensemble ein neues Mitglied sucht, glaubt der mittellose Georgier seine Zeit kommen zu sehen. Aber ohne Fleiss kein Preis. Schweisstreibendes Training bei einem strengen Tanzlehrer gehört ab jetzt zu seiner Tagesordnung. Merabs Tanzpartnerin und gute Freundin Mariam (Ana Javakishvili) steht und tanzt an seiner Seite.

Gemeinsam lachen trotz Schweiss
Gemeinsam lachen trotz Schweiss © cineworx

Nach den Tanzstunden arbeitet Merab in einer kleinen Kneipe, um etwas Geld für seine Familie zu verdienen. Grossmutter, Mutter und Bruder leben gemeinsam mit ihm in einem baufälligen Wohnblock. Doch damit kommt der Tänzer zurecht. So vergeht ein Tag nach dem anderen. Erst das Auftauchen des neuen Tanzschülers Irakli (Bachi Valishvili) stellt seine Welt auf den Kopf und das nicht nur wegen der starken neuen Konkurrenz auf dem Tanzparkett.

Dem schwedischen Regisseur Levan Akin gelingt mit And Then We Danced ein solider Film, der auf bewährte Weise den inneren Konflikt einer Person zwischen eigenen Wünschen und Erwartungen der Gesellschaft aufzeigt. Der klassische Dramenaufbau, altbekannte filmsprachliche Motive und eine gute Besetzung mit ihren tänzerischen Fähigkeiten verfehlen ihre Wirkung nicht. Leider fehlt dem Film aber der Mut, etwas Neues zu wagen. Ein bekanntes und durchaus gesellschaftlich relevantes Thema nach Georgien zu verfrachten, wirkt schlussendlich wie alter Wein in neuen Schläuchen.

«Halt dich gerade wie ein Nagel», sagt der Tanzlehrer zu seinem Schüler Merab zu Beginn des Films. Was in der Körperspannung des jungen Ballettbegeisterten Merab zu sehen ist, zeigt sich auf im Aufbau des Films. Der Spannungsbogen des klassischen Dramas mit Exposition, steigender Spannung, Höhepunkt, verzögerndem Schluss und dem grossen Finale wird minutiös nachvollzogen. Das Drehbuch beweist damit seine Professionalität, auf ähnliche Weise wie Merab mit traditionellen georgischen Tanzschritten seinen Lehrer überzeugt.

Nebst der traditionellen Tanzschritte scheinen einigen Figuren auch klassischen Rollenbildern und Hierarchien Halt zu geben. Ähnlich sah es wohl auch Regisseur Levan Akin bei der Wahl filmsprachlicher Mittel. Von Szenen, in denen wichtige Figuren wortwörtlich im hellen Licht am Ende des Tunnels stehen, über Symbole wie ein Apfel, der bekanntlich bereits in der Bibel von zentraler Bedeutung ist, bis hin zur magisch-idyllischen Funktion von Bäumen und Wäldern, findet sich in And Then We Danced alles.

Zeitgleich passiert genau aufgrund dieser beiden Aspekte ein Misstritt. Wenn Offenheit für Neues und Toleranz zentrale Themen eines zweistündigen Films darstellen, könnten sie auch so visualisiert werden. Wasser wird gepredigt, aber alter Wein weiterhin aus neuen, aber bekannten Schläuchen getrunken. Der Film dürfte häufiger wie Merab aus der Reihe tanzen, wobei sich auch dieser diesbezüglich leider zurückhält. Man könnte And Then We Danced als Mischung verschiedener Standardtänze ansehen - und diese heissen hier zum Beispiel Whiplash oder Boy Erased.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:23