American Skin (2019)

Filmkritik: Mock-Trial auf dem Polizeiposten

76. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2019
Vater und Sohn
Vater und Sohn

Der Marine-Veteran Lincoln 'Linc' Jefferson (Nate Parker) sass am Steuer, als sein Sohn K.J. (Tony Espinosa) bei einer Fahrzeugkontrolle von einem Polizisten erschossen wurde. Am besagten Tag holte er seinen 14-jährigen Sohn spätabends bei einem Freund ab und fuhr nach Hause. Unterwegs wurde sein Honda Civic von der Polizei gestoppt. Für Lincoln war dies reine Routine geworden. Er wusste genau, wie er sich zu verhalten hatte und tat, was die Polizisten von ihm verlangten. Als die Cops feststellten, dass die Fahrzeugversicherung womöglich abgelaufen war, witterte der Teenager Ärger und griff zu seinem Handy, um die Prozedur zu filmen. Als sie aufgefordert wurden, auszusteigen, zögerte K.J. und bekam Panik.

Wohin mit meiner Wut?
Wohin mit meiner Wut?

Ein Jahr später sitzt die Trauer immer noch tief. Linc und seine Ex-Frau Tayana (Milauna Jackson) wollen Gerechtigkeit. Zusammen mit dem College-Studenten Jordin King (Shane Paul McGhie), der Lincs Erlaubnis hat, einen Studentenfilm über den Fall zu drehen, warten sie auf das Urteil der Jury. Diese gibt in Kürze bekannt, ob der für den Tod von K.J. verantwortliche Polizist Mike Randall (Beau Knapp) angeklagt wird oder nicht.

American Skin ist das fiktive Drama von Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Nate Parker. Der wegen einer Vergewaltigungsanklage in Verruf geratene Afroamerikaner versucht in seinem "Comeback" grob gesagt, Fruitvale Station mit 12 Angry Men zu kreuzen. Herausgekommen ist ein noch immer notwendiges, wenn auch wenig subtiles Courtroom-Drama, in dem der einfache Bürger, Sträflinge und die beschuldigte Polizei zu Wort kommen. Dies ist manchmal sehr einfach gestrickt, was aber einem Teil der US-Bevölkerung zum Verständnis der Dinge sicher entgegenkommen dürfte.

Als Nate Parker vor drei Jahren als Regiedebütant auf dem Sundance Festival sein Sklaverei-Drama Birth of a Nation präsentierte, in dem er auch die Hauptrolle spielte und zu dem er das Drehbuch geschrieben hatte, war die Welt für den jungen, aufstrebenden "Mini-Spike-Lee" noch in Ordnung. Kurz darauf wurde aber öffentlich bekannt, dass Parker 1999 eine Studentin vergewaltigt haben soll. Trotz des Freispruchs 2001 gingen diese Anschuldigungen nicht spurlos am jungen Filmemacher vorbei. Er wurde zur Persona non grata von Hollywood, und es schien, als wäre seine Karriere bereits am Ende. Doch nun meldet sich der Afroamerikaner mit seinem zweiten Werk American Skin am Filmfestival Venedig zurück.

Das Drama über Polizeigewalt mit einem Mord an einen afroamerikanischen Teenager im Fokus erinnert stark an den auf wahren Begebenheiten beruhenden Fruitvale Station. Doch der Regisseur hat gar nie die Absicht, eine Kopie der letzten überzeugenden Black-Lives-Matter Filme zu drehen. Er will mehr und macht daraus in der zweiten Hälfte kurzerhand eine Film-im-Film Courtroom-Mockumentary inklusive Mock-Trial à la 12 Angry Men auf dem Polizeirevier.

Wer jetzt denkt, dass das absoluter Schwachsinn ist, hat nur halbwegs recht. Parker schafft es mit seiner nahegehenden Geschichte, die Aufmerksamkeit auf das immer noch so wichtige Thema zu lenken. Mit der Idee, allen Filmfiguren eine Stimme in einem Mock-Trial zu geben, eröffnet er eine packende und ausgeglichene Gesprächsrunde, die die Themen Polizeibrutalität und Rassismus offener und vor allem menschlicher behandelt als erwartet. Dass eine solche Diskussion nicht von klischeebehafteten Vorurteilen und ein paar Belehrungen verschont bleibt, ist bereits klar, als man zum ersten Mal den Namen der Hauptfigur liest. Doch gerade durch diese hitzige, etwas oberflächliche und am Ende auch emotionale Debatte von Normalos entsteht ein greifbarer und notwendiger Austausch.

Trotz dieser positive Aspekte droht Nate Parkers American Skin aber auch immer wieder zu kippen. Ein Grund dafür ist Parkers erneute Selbstinszenierung. Er spielt seinen Part zwar stark, steht aber zu sehr im Mittelpunkt. Zudem wird ihm seine hartnäckig-rustikale Handschrift zum Verhängnis. Das Drehbuch ist wenig subtil und bewegt sich das eine oder andere Mal auf geradem Weg zu einer Hasspredigt. "Hunde, die bellen, beissen nicht", heisst es ja so schön. Im Falle von American Skin hätte etwas mehr Biss sicherlich nicht geschadet.

/ yan