American Factory (2019)

American Factory (2019)

  1. 115 Minuten

Filmkritik: Corporate Culture Clash

Netflix
Der Boss steigt vom hohen Ross
Der Boss steigt vom hohen Ross

Früher wurden hier Autos hergestellt, doch Ende 2008 schloss die Produktionsstätte von GM in Moraine, einem Vorort von Dayton, Ohio, ihre Tore. Über 10'000 Menschen verloren ihre Stelle. Sechs Jahre später ist die Freude in der Region riesig, als der chinesische Glashersteller Fuyao das Gelände kauft und dort eine Produktionsstätte installiert. Viele Menschen, ein grosser Teil von ihnen früher bereits bei GM tätig, finden wieder einen Job. Mit entsprechend viel Enthusiasmus wird die neue chinesisch-amerikanische Brüderschaft gefeiert. Nur als ein Senator in seiner Ansprache die mögliche Bildung einer Gewerkschaft erwähnt, friert das Lächeln des neuen chinesischen Bosses kurz ein.

Mr. Robot
Mr. Robot

Bald manifestieren sich die ersten Probleme. Während sich die amerikanischen Mitarbeitenden über katastrophale Arbeitsbedingungen und Sicherheitsmängel beschweren, wundern sich die Chinesen über die vermeintliche Dunnhäutigkeit und mangelnde Belastbarkeit ihrer Kollegen. Da sind sie sich aus China aber ganz anderes gewohnt! Eine Mitarbeiterabstimmung über die Bildung einer Gewerkschaft etabliert sich schliesslich zur Schicksalsfrage über die Zukunft nicht nur der Firma, sondern einer ganzen Region.

Das gegenseitige Verständnis zwischen China und Amerika dürfte American Factory nicht unbedingt fördern. Die Netflix-Produktion zeigt die Arbeitskultur der beiden Länder als völlig unterschiedliche und inkompatible Welten. Mit feinem Humor und Engagement schaffen Julia Reichert und Steven Bognar einen engagierten, aufwühlenden und trotzdem unterhaltsamen Culture-Clash-Dokumentarfilm im Industriemilieu, bei dem die knapp zwei Stunden Laufzeit erstaunlich schnell vergehen. Empfehlenswert!

Eine spassige Angelegenheit ist American Factory nun nicht gerade. Und doch bietet die Dokumentation von Julia Reichert und Steven Bognar immer wieder Szenen, die derart skurril anmuten, dass man - zumindest als westlich geprägter Zuschauer - fast nicht anders kann, als kopfschüttelnd zu grinsen. Beispielsweise wenn die chinesische Delegation ein Seminar abhält, in dem es darum geht, die Amerikaner besser zu verstehen. Oder wenn sich herausstellt, dass der oberste Gewerkschaftschef von Fuayo in China gleichzeitig Sekretär der kommunistischen Partei wie auch Schwager des Firmenbosses ist. Oder wenn die chinesische Belegschaft beim Besuch ihrer amerikanischen Kollegen eine abgedrehte Show vorträgt, in der ihr Unternehmen wie eine Art Gottheit besungen wird.

Das Regieduo Julia Reichert und Steven Bognar war bereits 2008 zugegen, als die Fabrik von GM in Dayton, Ohio, geschlossen werden musste. Ihr 40-minütiger Kurzfilm The Last Truck: Closing of a GM Plant, der wie auch ihr aktueller für den Oscar nominiert wurde, porträtierte die Mitarbeitenden der einst stolzen Fabrik, die vor einer ungewissen Zukunft standen. Eine Zukunft, die, wie sich herausstellen sollte, Fuyao heisst, aus China kommt und ganz neue Konflikte mit sich bringt.

Der Film, übrigens der erste, der von Barack Obamas Produktionsfirma Higher Ground herausgegeben worden ist, ist ein ernüchterndes Zeugnis des gegenseitigen Unverständnisses. Und doch macht er sich die Mühe, auch die andere Seite zu verstehen. So werden nicht nur amerikanische Arbeiter mit der Kamera begleitet, sondern auch chinesische, die die scheinbar unmenschliche Arbeitskultur ihres Landes von Kindesbeinen gewohnt sind und diese als völlig normal hinnehmen. Sogar der CEO, eine Art Bösewicht des Filmes, darf ein wenig über sich und seine Rolle in der Welt reflektieren. Was allerdings ziemlich zynisch anmutet angesichts des eiskalten Profitdenkens, mit dem er mit seinem Stabschef über die nächsten Entlassungen plaudert, während er distanziert lächelnd durch die Hallen der amerikanischen Fabrik spaziert.

Denn letztendlich stehen die Filmemacher natürlich auf der Seite der (amerikanischen) Arbeiter, die sich gegen Lohndumping und katastrophale Arbeitsbedingungen zur Wehr setzen. In diesem Aspekt ist der Film mit aktuellen französischen Produktionen wie En guerre oder On va tout péter vergleichbar. Allerdings ist er weniger deprimierend - einerseits wegen des Humors, andererseits auch wegen der Inszenierung: Wenn die geschäftige Arbeit an den Maschinen mit flotter Instrumentalmusik unterlegt wird, wirkt das fast wie eine Art Ballett.

Dies lässt den Film trotz allem erstaunlich leicht wirken; so dass man zwischendurch fast die eigentlich niederschmetternde Erkenntnis des Filmes vergisst: Die anfänglich euphorisch gefeierte Verbrüderung zwischen Chinesen und Amerikanern, sie funktioniert hinten und vorne nicht.

/ ebe