Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2019)

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (2019)

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  2. 119 Minuten

Filmkritik: Eine Flucht in Plüsch

«Was, wenn eine Hasenpfote doch kein Glück bringt?»
«Was, wenn eine Hasenpfote doch kein Glück bringt?» © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Anna Kemper (Riva Krymalowski) verkriecht sich mit ihrem rosa Plüschkaninchen unter dem Tisch. Sie ist auf der Flucht vor einigen Knaben, den «Nazis». Als sie von ihnen entdeckt wird, kommt ihr Zorro zu Hilfe - ihr Bruder Max (Marinus Hohmann) versteckt sich hinter der Maske. Als die beiden Kinder zu Hause von den Ereignissen am Faschingsfest erzählen, stellen sie fest: «Und die Nazis waren nicht einmal verkleidet.» Kein Wunder, im Jahr 1933 ist das politische Klima an einem Wendepunkt angelangt; der hetzende Adolf Hitler steht kurz davor, die Wahlen zu gewinnen.

«There ain't no mountain high enough!»
«There ain't no mountain high enough!» © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

Das väterliche Oberhaupt der jüdisch-sozialistischen Familie (Oliver Masucci) stellt sich diesem Trend nicht nur publizistisch furchtlos entgegen. Eines Tages verschwindet er. Die Mutter (Carla Juri) erklärt, dass der Papa auf einer Liste stehe: «Wenn Hitler die Macht ergreift, will er ihn zum Schweigen bringen.» Zögernd sieht auch sie ein, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. So beschliesst die Familie Kemper bald, Berlin hinter sich zu lassen, um in die Schweiz zu fliehen. Das heisst für Anna nicht nur Abschied von ihren Freundinnen, sondern auch von ihrem rosa Plüschkaninchen zu nehmen.

Irritierend unbeschwert in seiner Erzählweise wird die Flucht einer politisch verfolgten jüdischen Familie in der Zeit von Hitlers Machtergreifung wiedergegeben. Das drohende Unheil der Nazi-Herrschaft geht in den Schweizer Bergen und in Paris beinahe vergessen; die schweren Szenen kommen hier viel zu harmlos und leicht daher. Trotz einiger rührender Abschiedsszenen bleibt der Film zu nüchtern und büsst nach und nach an Intensität ein. Die Qualität halten kann einzig die junge Schauspielerin Riva Krymalowski.

Die Verfilmung der autobiographisch orientierten Romanvorlage Judith Kerrs fängt gut an und verfügt trotz der heiklen Thematik über eine erfrischende Leichtigkeit, die man in solchen Streifen selten findet. Es ist lobenswert, dass die oscarprämierte Regisseurin Caroline Link den Ball flach hält und der Geschichte kein Drama aufpfropft. Dass hier durch den kindlichen Blickwinkel von Anna nicht Realität zur Metapher wird (wie beispielsweise im Der Junge im gestreiften Pyjama), bietet einen vielversprechenden Ansatz, um in aller Nüchternheit eine Kindheit dagegen prallen zu lassen. In diesem humanistisch gebildeten, bisweilen arrogant anmutenden Akademikerhaushalt wird aber mit absoluter Offenheit kommuniziert und alles fast ohne zu murren akzeptiert, sodass innere Kämpfe kaum stattfinden und Hindernisse mit Leichtigkeit überwunden werden. Überraschungen bleiben so weitgehend aus.

Die Erzählung bewegt sich nahe an den Kindern und kann deren Blickwinkel nicht abschütteln, auch wenn sie sich dem unverblümten Blick der Erwachsenen widmet. Das liegt wohl an der grossartigen Darbietung der jungen Riva Krymalowski, die man umgehend ins Herz schliesst und die zusammen mit dem spielfreudigen Marinus Hohmann ein quirliges Duo bildet. Auf Augenhöhe mit Krymalowski agiert einzig Ursula Werner als treue Seele Heimpi, der aber nur ein kurzer Auftritt vergönnt ist. Carla Juri sucht zwei Stunden lang vergebens ihren Charakter und weder Oliver Masucci noch Justus von Dohnányi scheinen auch nur eine Sekunde lang gefordert worden zu sein. Szenen, in denen viele Kinder auftreten, sind sehr wacklig und in der idyllischen, aber politisch nicht greifbaren Schweiz wird leider nur getrunken und gegessen. À propos Stereotyp: Alle nazifreundlich Gesinnten tragen blondes Haar.

Der Antisemitismus wird hier, wenngleich er omnipräsent scheint, selten so richtig greifbar. Vereinzelt werden zwar Nadelstiche gesetzt, doch ihre Resilienz hilft der Familie, die dadurch verursachten Wunden weitgehend nicht bluten zu lassen. In diesem Film, der vornehmlich von Entwürdigung handelt, sucht man den Schmerz vergebens, obwohl er sehr wohl das schwelende Unheil in der Zeit von Hitlers Machtergreifung vermitteln könnte, wie er bis zur gelungenen Emigration in die Schweiz eindrücklich demonstriert.

So ist Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ein allzu heiterer Film, der in seinem Bestreben überschwappt, Flüchtlingen Hoffnung zu stiften. Sein Ende ist zu verheissungsvoll und schlussendlich kratzt er aufgrund seiner überoptimistischen Umdeutung der Flüchtlingsthematik an der Grenze zur Verharmlosung der Geschehnisse dieser Zeit. Freilich, der Krieg war in jenen Jahren noch nicht ausgebrochen und vom dereinst Unbeschreiblichen kann sich noch niemand eine Vorstellung machen. Trotzdem hätte es dem Film durchaus gut angestanden, politische Verfolgung nicht mit einem Anstrich von aufregendem Weltenbummlertum zu verkaufen - selbst wenn sie aus der Perspektive eines Kindes so ausgesehen haben mochte.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Deutsch, 02:10