Alice et le maire (2019)

Alice et le maire (2019)

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  3. 103 Minuten

Filmkritik: Politisch-inhaltliche Leere

72e Festival de Cannes 2019
"Alles klärchen, Alice?"
"Alles klärchen, Alice?" © Agora Films

Der Bürgermeister von Lyon (Fabrice Luchini) hat zunehmend Probleme mit der Konzentration und dem Finden von Ideen: Nach 30 Jahren Amtszeit ist er langsam ausgebrannt und müde, es fällt ihm vieles nicht mehr so leicht, wie dies einst der Fall war. Um dem entgegenzuwirken, wird die junge Philosophin Alice (Anaïs Demoustier) angestellt. Sie soll dem Bürgermeister in dieser schweren Zeit zur Seite stehen, ihm helfen und ihn bei der Alltagsgestaltung unterstützen.

Kurzes Einlesen in die Thematik
Kurzes Einlesen in die Thematik © Agora Films

Mit ihr ist ein ganzes Team rund um die Assistentin Isabelle (Léonie Simaga) zugegen, das sich um die Bedürfnisse und Termine des Politikers kümmert. Viel Zeit, sich mit den Konzepten, Vorstössen und Dossiers auseinanderzusetzen hat Alice allerdings nicht, sie ist sogleich gefordert: Sie fungiert als erweiterte Denkzentrale des Bürgermeisters und hat stets eine gute Idee auf Lager.

Alice et le maire besticht mit situativem Humor und tollen schauspielerischen Leistungen. Dabei kratzt die Komödie stets an der Oberfläche, ohne allzu tief in die Thematik einzudringen. Ihr fehlt etwas der Pepp, die Aufmüpfigkeit, da sie versucht, möglichst allen zu gefallen. Hier wurde einiges an Potenzial verschenkt. Mit dem politischen Apparat hätte man noch wesentlich härter ins Gericht gehen können, um die fortschreitenden Verschleissspuren aufzuzeigen bei allen, die sich darin befinden. Dennoch ein sehenswerter Film.

Die Komödie von Nicolas Pariser versucht, dem Publikum zu gefallen, indem sie nirgends und nie anecken will und stets konventionell bleibt; ein Film, der stets höflich, freundlich und angepasst daherkommt. Der Humor ist genauso gesellschaftstauglich wie die Story. Kein schwarzer, zynischer Humor, sondern feiner, an die Situation angepasster. Alles Attribute, die nicht negativ zu deuten sind, jedoch den Film auch nicht von der Masse abheben.

In Alice et le maire gibt es zu lachen, dennoch auch ernste Szenen, die sich mit Problemen und aktuellen Themen beschäftigen. Es ist kein Brüller-Film, sondern vielmehr einer, um verschmitzt zu schmunzeln. Er beinhaltet viele Dialoge, welche etwas ermüdend sein können, geht es doch hauptsächlich um lokalpolitische Themen und Persönlichkeiten, von welchen der durchschnittliche Schweizer Zuschauer wenig Ahnung haben dürfte. Die Zusammenhänge zu sehen, fällt hier eher schwer.

Was aber gefällt, sind die schauspielerischen Leistungen: Anaïs Demoustier überzeugt als herrlich naive junge Philosophin, die eigentlich nie weiss, was genau von ihr verlangt wird. So schlittert sie von Situation zu Situation, von Konferenz zu Meeting, ohne gross eingearbeitet worden zu sein. Beinahe perfekt und mit einem enormen Charme mimt sie das unbeholfene Vögelchen im grossen Politzirkus, das eigentlich masslos überfordert ist: Bei Sitzungen ist sie nicht in die Dossiers eingelesen und wenn doch, dann hat sie dazu knappe zehn Minuten Zeit. Dennoch muss sie angesäuerten, politischen Aktivisten Rede und Antwort stehen und versuchen, den Laden am laufen zu halten.

Ihr "Gegenspieler", der von Fabrice Luchini gespielte Bürgermeister, muss dabei hauptsächlich einen einzigen Gesichtsausdruck aufsetzen: den leeren, ausgepumpten und zuweilen etwas ratlosen starren Blick. Seine verwunderte Visage, als er erstmals auf Alice trifft - eine durchs Band sehr amüsante Szene - ist herrlich aussagekräftig. Dass ihm die Ideen abhanden gekommen sind, bräuchte er nicht einmal mehr zu sagen, es wird direkt ersichtlich.

Nicolas Pariser befasst sich mit ernstzunehmenden Themen, die zunehmend an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen: Burnout, Erschöpfung, hohe Belastung bei der Arbeit und die Spätfolgen davon. Dennoch ist es keine schwere, triste Tragödie, da sich der Regisseur den Themen stets mit Humor annähert und sie zeitweise gar etwas ins Lächerliche zieht. Alles in allem unterhält Alice et le maire bestens, der ganz grosse Wurf ist der Film allerdings nicht geworden.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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