The Forest of Love - Ai-naki mori de sakebe (2019)

The Forest of Love - Ai-naki mori de sakebe (2019)

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  2. 151 Minuten

Filmkritik: Elektroschock

1. OutNow Film Festival 2020
Punk's not dead
Punk's not dead © Netflix

Der Strassenmusiker Shin (Shinnosuke Mitsushima) freundet sich Ende der Neunzigerjahre in Tokio mit zwei Indiefilmregisseuren an. Als er ihnen offenbart, dass er seine Jungfräulichkeit noch nicht verloren hat, wollen sie ihm dabei helfen, dies zu ändern. Über die punkige Theaterregisseurin Taeko (Kyoko Hinami) gelangen sie zu deren ehemaliger Schulkollegin Mitsuko (Eri Kamataki). Im Jahre 1985 führten Taeko und Mitsuko mit ihrer Freundin Eiko (Natsuki Kawamura) in der Mädchenschule das Theaterstück «Romeo und Julia» auf, kurz bevor Eiko auf tragische Weise verstorben ist.

Romeo und seine Julias
Romeo und seine Julias © Netflix

Mitsuko reagiert erfreut über den Besuch, doch auf eine Bettgeschichte mit Shin lässt sie sich nicht ein. Am folgenden Abend bekommt Mitsuko einen Anruf von einem mysteriösen Joe Murata (Kippei Shiina), der ihr angeblich 50 Yen schuldet und ihr diese zurückgeben möchte. Die Jungs und Taeko folgen Mitsuko heimlich und filmen ihre Begegnung mit Murata. Taeko erkennt diesen wieder. Der gefährliche Hochstapler betrog ihre Familie. Für die Regisseure bietet sich damit die perfekte Geschichte für einen Film. Umso mehr, weil Shin Murata für den Serienmörder hält, der in der nahe gelegenen Flussgegend sein Unwesen treibt.

Der Mysterythriller The Forest of Love fährt ein wie ein Elektroschock! In seinem neusten Werk treibt es der provokante japanische Regisseur Sion Sono mit Obszönitäten, Gewaltakten und Exzessen auf die Spitze und darüber hinaus. Je länger die Erzählung des Filmes andauert, desto absurder wird sie und desto schwerer lässt sie sich ertragen. Die Figuren sind mysteriös und komplex, die Geschichte wird spannend aufgebaut und visuell präsentiert sich der Film ansprechend, aber wer nach Moral und Sinn sucht in diesem Gesamtkonstrukt, dürfte es schwierig haben.

Sion Sono gilt als Provokateur. Seine Filme sind kontrovers, verrückt und oftmals erotisch angehaucht. Und auch in The Forest of Love bleibt er seiner Linie treu. Vom dem Mysterythriller existiert übrigens auch eine Deep Cut Version; eine siebenteilige Miniserie. Daran erinnert im Film die Aufteilung der Erzählung in Prolog, mehrere Kapitel und Finale.

Die Geschichte ist komplex aufgebaut und spielt sich auf drei verschiedenen Zeitebenen ab: 1985, während Taeko, Mitsuko und Eiko die Mädchenschule besuchen. 1993, als Taeko und ihre Familie vom Hochstapler Joe Murata betrogen werden. Und in der Gegenwart der Erzählung, welche sich Ende der Neunzigerjahre zuträgt. Inspiriert ist die Geschichte von den wahren Begebenheiten einer Mordserie, die in dieser Zeit in Japan begangen wurde. In narrativer Hinsicht bieten diese Eigenschaften die perfekte Ausgangslage für einen spannenden Krimi.

Doch Sion Sono scheint keinerlei Interesse daran zu haben, seinen Zuschauern einen schön stimmigen Film auf dem Silbertablett zu servieren. Stattdessen zeigt er lieber die erotischen Begegnungen und Fantasien der japanischen Schulmädchen in Uniformen. Diese sind visuell mit sehr kühlen Farbtönen umgesetzt, was die tragische Hintergrundgeschichte um den Tod Eikos schön untermalt. Oder er demonstriert, wie der charismatische Kippei Shiina als manipulativer Joe Murata einfach alle um den Finger wickelt, bis sie ihm zu Füssen liegen.

Und dabei kennt er keine Grenzen. Es geht so weit, dass die jungen Frauen, die sich in Murata verlieben, von ihm mit übelsten Foltermethoden dominiert werden. Sein bevorzugtes Utensil sind dabei Stromstäbe, mit welchen er den Frauen Elektroschocks verpasst. Die Gewaltexzesse nehmen im Verlaufe des Films immer abscheulichere Formen an und sind irgendwann nur noch schwer zu ertragen.

Bei all der Grausamkeit scheint es kaum vorstellbar, dass The Forest of Love auch zum Lachen anregen kann. Doch insbesondere in der Anfangsphase beinhaltet der Film eine gute Prise von schwarzem Humor. Zudem ist er auch selbstreferentiell gegenüber dem Filmschaffen, indem diverse Szenen die Kameraarbeit, das Regieführen und Schauspielern auf witzige Weise thematisieren und dabei bestimmt auch eigene Erfahrungen und Eigenschaften von Sion Sono selbst enthalten.

/ gli