African Mirror (2019)

African Mirror (2019)

  1. 84 Minuten

Filmkritik: Das verlorene Paradies

2. OutNow Film Festival 2021
«Lueg emau: Eiger, Mönch und Jungfrau!»
«Lueg emau: Eiger, Mönch und Jungfrau!» © Outside the Box

Als der Berner René Gardi (1909-2000) sich in den 1950er-Jahren aufmacht, die bis dato von Weissen fast unberührten Landen Nordkameruns und das Volk der Mafa filmisch zu ergründen, kommt er sich bald vor wie auf einem anderen Stern. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ohne materiellen Besitz lebend und nahezu immer nackt herumlaufend, fachen sie in Gardi die Faszination für das Urtümliche an. Trotzdem er auf Misstrauen bei ihnen stösst, schafft er es, ihr Vertrauen zu gewinnen.

In der Naturverbundenheit dieser «Wilden», die ziemlich autonom im von Frankreich besetzten Kamerun wohnen, entdeckt er Parallelen zu den in bescheidenen Verhältnissen lebenden Schweizer Bergbauern und lässt sich dazu hinreissen, den Wunsch nach einer Schweizer Kolonie in Afrika zu äussern. Den Mafa wünscht er im Gegenzug einen höheren Lebensstandard. Dieser soll bald Einzug halten dank des europäischen Fortschritts. Doch dessen Vertreter, Verkäufer, Steuereintreiber und Missionare haben anderes vor.

Aufgrund der aus heutiger Sicht verwirrenden Ansichten René Gardis werweisst man lange darüber, mit wem man es hier zu tun hat. Diese Dokumentation über die dokumentarische Tätigkeit des Berner Afrikabegeisterten bleibt schliesslich zu sehr in der Vergangenheit haften und verpasst es, den Schlenker in die Gegenwart zu machen.

Als Gardi seinen Film «Mandara - Zauber der schwarzen Wildnis» 1960 an der Berlinale aufführt, klingt der zunächst wie eine Vorwegnahme des Dschungelbuchs, gesalzen mit Zitaten von Schneewittchen. Doch im Gegensatz zur Fiktion der Disney-Zeichentrickfilme ist sein Porträt eines nordkamerunischen Volks dokumentarischer Natur. Zumindest teilweise, denn Gardi zögerte nicht, dieses «wilde» Menschen als Projektionsfläche seines «Arkadien», seines utopischen Réduits zu verwenden.

Regisseur Mischa Hedinger arbeitet dies in seiner nicht ganz 20 Jahre nach dem Tod Gardis erschienen Dokumentation unmissverständlich heraus. Er hat Ton-, Bild- und Textdokumente des Berner Filmers, Schriftstellers und Vortragsreisenden neu arrangiert und mit bisher unveröffentlichtem Material versetzt. Doch bis zu dieser Erkenntnis dauert es, denn Gardi wird in dieser Montage erst auf der Zielgeraden einigermassen fassbar, zu widersprüchlich scheinen für heutige Ohren die Ansichten dieses antikolonialistischen Kolonialisten.

Dass Hedinger es verpasst, Tonalität und Zeithorizont zu kontextualisieren und zu aktualisieren, darin liegt wohl das Grundproblem dieses Films. Gerade wenn Aussagen ausgepackt werden, angesichts deren aufrichtig vorgetragenen rassistischen Gehalts sich einem der Magen umdreht, oder wenn mit einer Selbstverständlichkeit darüber referiert wird, dass man den «Wilden das richtige Leben vorleben» müsse, bleibt unklar, warum solche Ansichten von Vorvorvorvorgestern nun aus der Mottenkiste geholt werden.

Will Hedinger uns etwa - in bester Sci-Fi-Tradition - in eine ureigene und grundverschiedene Welt zurückversetzen, um unsere zivilisatorischen Denkmuster zu provozieren oder will er uns den Spiegel vorhalten, damit wir unsere latententen rassistischen Ressentiments besser erkennen können? Würde er nicht so stark an Gardi hängen, könnte mit etwas Geschick beides funktionieren, denn sowohl der Wunsch nach mehr Naturverbundenheit sowie schwelender Rassismus - aber auch Rassisten, die keine sein wollen - prägen die westliche Kultur der 2020er-Jahre.

Inmitten dieser heiklen Debatte handelt Hedinger en passant noch den Suizidversuch und mehrfachen Kindsmissbrauch seines Studiensubjekts ab, einfach indem er dessen Geständnis erwähnt. Vor einem halben Jahrhundert hätte das vielleicht zur Sühne gereicht, in der heutigen Zeit wirkt ein solcher Umgang damit - zumal der Bezug zum Kolonialismus unklar bleibt - verstörend verharmlosend.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Schweizerdeutsch, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:59