L'adieu à la nuit (2019)

L'adieu à la nuit (2019)

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  2. 104 Minuten

Filmkritik: Wenn die Kirschbäume blühen

69. Internationale Filmfestspiele Berlin 2019
Stein der Weisen?
Stein der Weisen?

Muriel (Catherine Deneuve) lebt auf dem Land, hat eine Pferdefarm und eine grosse Obstbaumplantage. Neben der Pferdezucht baut sie mit ihrem Geschäftspartner Youssef Kirschbäume an. Alex (Kacey Mottet Klein), ihr Enkel, der auf der Farm nach dem Tod der Mutter aufgewachsen ist, kommt sie nach langer Zeit wieder einmal besuchen. Er ist auf der Durchreise, möchte nach Kanada, wo er einen neuen Job hat. Muriel freut sich sehr auf Alex, doch ihre Freude ist nicht von langer Dauer.

Build the Wall!
Build the Wall!

Durch den Einfluss seiner Freundin Lila (Oulaya Amamra), die auf der Farm kleinere Arbeiten verrichtet und als Altenpflegerin arbeitet, hat Alex zum Islam konvertiert. Heimlich planen sie ihre Abreise nach Syrien, doch dafür fehlt das Geld. Da die Zeit drängt, beklaut Alex seine Grossmutter um 6'000 Euro, was allerdings nicht lange unentdeckt bleibt. Muriel versucht verzweifelt, ihren Enkel von seiner geplanten Reise abzuhalten.

L'adieu à la nuit ist André Téchinés neuer Film, in dem er in eine französische Frühlingsidylle eine zu simple Geschichte einbettet. Ein junger Mann konvertiert zum Islam und will in ein paar Tagen mit seiner Freundin in den Dschihad ziehen. Seine Oma stellt sich im erfolglos in den Weg. Was zu seinem Sinneswandel führt, bleibt unbeantwortet.

Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, die Sonne scheint, der Frühling ist greifbar nah. Pferde galoppieren im Sonnenlicht, alles ist von einer frischen Leichtigkeit umgeben. Doch halt, es sind keine Ferien auf dem Reiterhof, die sich André Téchiné für seinen neuen Film L'adieu à la nuit zu zeigen vorgenommen hat. Die ersten fünf Tage des Frühlings macht er sich kapitelhaft zu Nutze, um dem friedlichen Landalltag den IS gegenüberzustellen.

Catherine Deneuve spielt die Grossmutter hier nie laut oder gewalttätig, vielmehr versucht sie, mit grosser Ruhe und Zurückhaltung zu Alex vorzudringen. Was ihren Enkel zu seinem geplanten Vorhaben treibt, warum er zum Islam konvertiert hat, all das wird nicht recht deutlich. Vielleicht liegt es am frühen Tod der Mutter, vielleicht an der hohen Überzeugungskraft seiner Freundin, vielleicht auch an dem angeknacksten Verhältnis zu seinem Vater. Echte Beweggründe zeigt Téchiné leider nicht auf.

Für die Zuschauer bedeutet das, dass sich die Figuren nur minimal entwickeln, viele Abläufe der Geschichte sehr vorhersehbar sind, alles sehr brav und konstruiert wirkt. Da schockt es auch nicht, dass die Oma den Enkel aus letzter Not bei der Polizei verpfeift. Bei dieser eindimensionalen, reichlich müden Geschichte überzeugen nur die wunderbaren Landschaftsaufnahmen, bei denen man die Frühlingsluft fast zu spüren scheint.

L'adieu à la nuit kann nicht erklären, was einen jungen europäischen Mann dazu bringt, dem Islam beizutreten. Vorhersehbar und seltsam monoton verläuft diese rasch matte Geschichte. Nur die wunderschönen Kirschbäume bleiben im Gedächtnis haften - und das ist bei diesem Stoff leider entschieden zu wenig.

/ jst