Adam (2019/IV)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Ungebetener Gast bringt Leben in den Alltag

Zurich Film Festival 2019
Einsamkeit und Trauer
Einsamkeit und Trauer

Die Mittvierzigerin Abla (Lubna Azabal) betreibt in der Altstadt von Casablanca eine Bäckerei. Sie ist verwitwet und verbittert, ihr Leben spielt sich nur noch zwischen Teig und Mehl und der strengen Erziehung ihrer Tochter ab. Eines Tages wird diese Routine durch die Ankunft von Samia (Nisrin Erradi) jäh unterbrochen. Die junge Frau ist hochschwanger und auf der Suche nach Arbeit. Abla will mit ihr nichts zu tun haben und schickt sie kurzerhand weg. Doch ohne Arbeit und einen Schlafplatz bleibt Samia nichts anderes übrig, als die Nacht vor Ablas Haus zu verbringen. Ablas Gewissen lässt ihr ob dieser Situation keine Ruhe, und sie bittet die Fremde für eine Nacht herein. Dass Samias Anwesenheit ein Glücksfall ist und ihr Leben sowie das ihrer Tochter grundlegend verändern wird, ahnt sie nicht.

Unerwartete Hilfe
Unerwartete Hilfe

Ablas Tochter hat die Unbekannte und ihr ungeborenes Kind schon vom ersten Augenblick an in ihr Herz geschlossen. Schon bald merkt auch Abla, dass die ungewollte Hilfe im Haushalt und im Laden viele Vorteile hat. Aus der einen Nacht wird ein längerer Aufenthalt, und die Freundschaft zur quirligen, lebensfrohen Samia reisst Abla aus ihrer Trauer und bringt sie wieder zurück ins Leben. Bis die Ankunft des Babys und eine folgenschwere Entscheidung die Harmonie mit einem Schlag zunichtemachen.

Kann eine Person das Leben einer anderen grundlegend ändern? Wie entsteht aus einer puren Zufallsbekanntschaft eine Freundschaft? Die marokkanische Regisseurin Maryam Touzani geht dieser Frage nach. Aus einem weiblichen Blickpunkt nimmt sie das Leben zweier unverheirateter Frauen in einer männlich dominierten Kultur unter die Lupe. Daraus entwickelt sich eine subtile Gesellschaftskritik, die vor allem durch das, was nicht gesagt wird, zum Ausdruck kommt.

Langsam und in unaufgeregten Bildern lässt Regisseurin Maryam Touzani die Geschichte der beiden Frauen sich entwickeln. Es gibt keine grossen Dialoge, keine tiefschürfenden Gespräche, kein Platz für Sentimentalität. Sowohl die verwitwete, alleinerziehende Mutter Abla als auch die unverheiratete, schwangere Samia haben sich mit ihrer Rolle in der Gesellschaft abgefunden. So scheint es jedenfalls. Doch Touzani gelingt es, durch die vielen Nah- und Detailaufnahmen das Innenleben der Figuren greifbar zu machen. Gesichter, Augen und Hände bringen zum Ausdruck, was nicht in Worte gefasst werden kann. Die Stille, die diese Bilder begleitet, untermalt das Ganze zusätzlich.

Die fehlende Hintergrundmusik lässt zudem andere Geräusche stärker hervortreten. Die Geräusche des Alltags wie Schritte, Strassenlärm oder das Rufen der Händler auf dem Markt wird viel deutlicher wahrgenommen. Besonders das verzweifelte Schreien des Neugeborenen erhält dadurch eine immense Wirkung. Allerdings schleichen sich aufgrund der langsamen Entwicklung der Geschichte zum Schluss hin vermehrt Längen ein. Zudem stört es, dass Samias Geschichte nie wirklich erzählt wird. Während Abla die Gelegenheit bekommt, vom Tod ihres Mannes zu erzählen, wird Samias Situation als «dummer Fehler» abgetan. Mehr gibt sie nicht preis und man hat das Gefühl, dass etwas fehlt.

Adam zeigt die Freundschaft zweier starker Frauen, die allen Widrigkeiten trotzen und sich schliesslich dem Druck der Gesellschaft wohl oder übel ergeben müssen. Der pessimistische Grundton verschwindet nur für einen kleinen Moment und kommt mit dem Einsetzen von Samias Wehen schlagartig wieder zurück.

/ sul

Trailer Originalversion, mit deutschen Untertitel, 01:47