The 20th Century (2019)

The 20th Century (2019)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Dekadenz in der Führungsschicht

NIFFF 2020
Vertreter der politischen Macht
Vertreter der politischen Macht © NIFFF

Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, einmal Premierminister von Kanada zu werden. Willy (Dan Beirne), mit vollem Namen William Lyon Mackenzie King, fügt sich den Ambitionen seiner tyrannischen Mutter, obwohl er selbst lieber seinen sexuellen Begierden nachgehen würde. Früher als erwartet bietet sich ihm schliesslich die Chance, sich als Kandidaten für den mütterlicherseits begehrten Posten durchzusetzen. Dafür muss er gegen andere Söhne aus der Elite des Landes antreten.

Auf dem Spiel steht nicht nur seine politische Karriere, sondern auch die Gunst seiner Angebeteten Ruby (Catherine St-Laurent). In beidem hat er leider das Nachsehen. Übertrumpft wird er von Bert Harper (Mikhaïl Ahooja), der die Macht übernimmt und innerhalb kurzer Zeit zu einem autoritären Staatschef mutiert. Ein zweites Mal bietet sich Willy die Gelegenheit, gegen ihn anzutreten. Dieses Mal hängt das Wohl der gesamten Nation von seinem Erfolg ab. Dabei muss er eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen lassen, doch auch er verhält sich anderen gegenüber nicht gerade zimperlich.

Der Regisseur Matthew Rankin beweist mit seinem ersten Langspielfilm viel Mut und liefert hochinteressantes Resultat ab. Seine Satire weist eine einheitliche, experimentelle Ästhetik auf, die an die Anfänge des Mediums Films erinnern und damit den inhaltlichen Exkurs in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorragend unterstreichen. Wie es sich für eine Satire gehört, geht der Regisseur mit vielen Übertreibungen und Überspitzungen vor, die sich zum Teil scharf an der Schmerzgrenze befinden, aber dennoch zu einem der eigenständigsten Filmbeiträge der letzten Jahre zusammengefunden haben.

Inspiriert hat sich der Kanadier von einer realen historischen Figur für seinen Protagonisten in The Twentieth Century: William Lyon Mackenzie King (1874-1950), bis kurz vor seinem Tod wahrhaftig Premierminister von Kanada. Er ging für seine aussergewöhnliche lange Amtszeit von 22 Jahren in die Geschichte ein. Der Kanadier Rankin spinnt nun um ihn eine ganze Reihe an legenden- und märchenhaften Einzelheiten, die dazu führen sollen, ihn als Abkömmling einer dekadenten, pervertieren und verblödeten Oberschicht abzukanzeln.

Es ist dem Regisseur und Autor offensichtlich ein Genuss, diese Menschengattung der Lächerlichkeit preiszugeben. Inzest, Aberglauben, sexueller Fetisch, Statusdenken und Heuchelei verbindet er zu einem beängstigend düsteren Bild einer zwar vergangenen Gesellschaft, die aber so weit von unserer nicht entfernt scheint - das, glaubt man, möchte auch der Regisseur mit seinem Film suggerieren. Doch unbestreitbar ist, dass das Unterhaltungspotenzial dieser Konstellation durchaus einiges hergibt.

Die Schwäche des Films, aber das ist mit Sicherheit im Wesentlichen eine Sache des eigenen Geschmacks, liegt in der übermassig ausgebreiteten sexueller Motivik. Hier kommt ein Humor in Erscheinung, der sich aus fäkalen und sexuellen Anspielungen speist, der, wie gesagt, nicht jedermanns Sache sein muss. Die Nutzung des Elements der Übertreibung allerdings in der Darstellung der politischen Ebene ist umso eindrücklicher. Das Zusehen schmerzt unweigerlich, weil trotz aller Fiktion Parallelen zu vergangenen und aktuellen politischen Realitäten unübersehbar sind. Wieder einmal beweist der Regisseur damit aber auch, dass Humor die beste Waffe gegen Fanatismus ist.

Seinen absurden Stoff inszeniert Rankin in The Twentieth Century indem er eine eigene Bildsprache entwickelt, die an den Stummfilm oder den Expressionismus erinnert und vor allem an das Kulissenhafte des Theaters angelegt ist. Das wird nicht nur durch die Ausstattung und die Maske unterstrichen, sondern widerspiegeln sich auch im Spiel der Protagonisten, die bewusst eine steife Mimik einnehmen, und in den sloganartigen Dialogen.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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