1917 (2019)

1917 (2019)

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  3. 119 Minuten

Filmkritik: Run, soldier, run!

Immer zuerst links und rechts schauen; erst dann rüber.
Immer zuerst links und rechts schauen; erst dann rüber. © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

6. April 1917: Die Briten haben für den kommenden Morgen einen Angriff auf die sich zurückziehenden Deutschen geplant, in der Hoffnung damit den Ersten Weltkrieg beenden zu können. Doch im britischen Hauptquartier erkennt man, dass es nicht so einfach ist, wie es scheint. Denn bei Ausführung der gegebenen Befehle drohen die eigenen Streitmächte in eine Falle der Deutschen zu laufen. Die Leben von 1'600 Soldaten stehen auf dem Spiel.

Kameramann: Roger Deakins
Kameramann: Roger Deakins © Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.

Um den Angriff abzublasen, erhalten Lance Corporal Blake (Dean-Charles Chapman) und Lance Corporal Schofield (George MacKay) den Auftrag, die Befehlshaber an der Front über die neue Situation zu informieren. Vor allem Blake hat ein grosses Interesse daran, dass der Angriff nicht stattfindet, befindet sich doch sein eigener Bruder unter den potentiellen Opfern. In einem Wettlauf gegen die Zeit müssen Blake und Schofield durch das Niemandsland zwischen den Fronten, wobei auf ihrem Weg jede Menge Gefahren lauern. Werden sie die Nachricht rechtzeitig überbringen können?

1917 nimmt einen im Kino völlig gefangen. Mit seinem Kriegsfilm hat Oscarpreisträger und Bond-Regisseur Sam Mendes einen intensiven und rastlosen Wettlauf gegen die Zeit gedreht, der während zwei Stunden durchgehend zu packen vermag. Die Inszenierung, die suggerieren soll, dass alles am Stück gedreht wurde, verstärkt das Erlebnis noch mehr und es sollte verboten werden, bei einem solchen Film in der Mitte eine Pause zu machen. 1917 ist ein Muss für alle Filmliebhaber!

Während der Zweite Weltkrieg in Filmen schon aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet wurde, behandelte das Kino den Ersten Weltkrieg bislang eher stiefmütterlich. Das ist verständlich, war doch der Krieg zwischen 1914 und 1918 lange Zeit ein monotoner, unspektakulärer Grabenkrieg. Nur mühsam konnte Land gewonnen werden und die Soldaten verbrachten viel Zeit mit Warten.

Leute, die nicht herumsitzen durften, waren die sogenannten Meldeläufer, die flugs Nachrichten überbringen mussten. Nachdem Peter Weirs deren Arbeit intensiv in den letzten 30 Minuten von Gallipoli beleuchtete, fokussiert nun Sam Mendes während ganzen 110 Minuten darauf, wie zwei Soldaten versuchen, von A nach B zu kommen. Dabei ist ihm ein äusserst effektiver Spannungsfilm gelungen, der eines der intensivsten Kinoerlebnisse der letzten Monate bietet.

Als Kameramann waltete der grossartige Roger Deakins, welcher mit seinem Team 1917 so gedreht hat, dass man das Gefühl bekommt, das Ganze sei fast an einem Stück aufgenommen worden. Das geübte Auge erkennt zwar, wo geschnitten wurde, doch das Ergebnis ist nichtsdestotrotz beeindruckend. Die Kamera folgt den beiden Meldeläufern auf Schritt und Tritt und führt uns so in die zerstörte und angsteinflössende Welt ausserhalb des Schützengrabens.

Eine Vorstellung der Charaktere im klassischen Sinn findet zu Beginn nicht statt; es geht direkt los mit ihrer Mission. Zu Beginn verfolgt man daher das Geschehen weniger der Figuren wegen, denn mehr aufgrund des Interesses, was da wohl noch alles auf einen zu kommen möge. Da die Kamera immer an den Figuren klebt, ist auch recht schnell klar, dass mindestens einer der beiden diesen Horror überleben dürfte. Trotzdem ist 1917 durchwegs spannend, denn überall lauert die Gefahr, die einen der beiden ins Jenseits schicken könnte. Auch die Bilder schlagen mit voller Wucht zu. Überall Tote, Ratten und zerbombte Gebäude: Die Leute des Set-Design haben ganze Arbeit geleistet; vieles wirkt unangenehm realistisch.

Auf eine ständig tickende Uhr, wie sie in Christopher Nolans Dunkirk zu hören war, verzichtet Mendes zwar, dennoch ist man sich der Dringlichkeit und des Verrinnens der Zeit den ganzen Film über bewusst. Einen grossen Anteil daran hat auch Thomas Newmans fast durchgehender Score, der die Handlung vorwärts treibt. Zwar kommt 1917 nicht ganz an jenes Niveau der panikartigen Zustände heran, welche Dunkirk beim Zuschauer auszulösen vermochte, er verfehlt es aber nur haarscharf.

Dafür punktet Mendes im Direktvergleich bei den Gefühlen. Zwar scheint der Film die ganze Zeit über in Bewegung zu sein, dennoch gönnt er den Protagonisten und dem Zuschauer kurze Pausen, in denen sich die aufgrund des Zeitdrucks und des überall lauernden Todes aufgestaute Spannung zwischenzeitlich etwas entladen darf. Hier zeigt sich dann auch, dass 1917 nicht nur bildlich, sondern auch emotional eine unglaubliche Kraft besitzt. Für genau solche Werke wurde das Kino gemacht!

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 4

andycolette

Heute gesehen wirklich Oscar alles in einer Einstellung und wie wirklich im Krieg so echt sensationell umgesetzt !!

Matabooth

Wirklich grandioser Film, ab dem Moment an dem die zwei Soldaten aus dem Schützengraben rausklettern, hält man vor lauter Spannung den Atem an und ist mittendrin, dank der genialen Kamera-Arbeit und der schauspielerischen Meisterleistung. Auch der Score ist phänomenal sphärisch und untermalt die tragische Szenerie perfekt. Ja, es gibt eigentlich nichts an dem Film auszusetzen, ausser dass es die grossen Schauspieler (Cumberbatch, Firth) vielleicht gar nicht gebraucht hätte...

Falls dieser Film den Oscar gewinnt (neben all den anderen tollen Kandidaten) bin ich absolut happy damit.

solanumnigrum

Heiliger Füsilier! Dieser Film hat mich umgehauen wie der der Rückstoss einer Panzerfaust!
Ich habe gelitten und gebangt, gefiebert, geliebt und gehasst. Die Emotionen spielen teils verrückt.

Bei diesem Film vergisst man teilweise das atmen. Gebannt verfolgt man die Reise von Blake und Schofield.
Und vielleicht ist es nur mir so ergangen: Nach dem verlassen des Kinos ist man noch völlig durch den Wind.

Adrenalin pur! Must See! - und ja: Ohne Pause schauen. Die hat nämlich genervt. Mehr als sonst.

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