17 Blocks (2019)

  1. 96 Minuten

Filmkritik: Boyhood - The Uncut Version

Zurich Film Festival 2019
Red Hat Chilli Peppers
Red Hat Chilli Peppers

Washington, D.C. 1999, nur 17 Strassen vom Weissen Haus entfernt: Der neunjährige Emmanuel Sanford-Durant, Jr. erhält eine Filmkamera und beginnt damit sein engstes Umfeld zu filmen: seine Mutter Cheryl, seinen 15-jährigen Bruder Akil «Smurf» und seine 12-jährige Schwester Denice. Die dunkelhäutige Familie muss in einfachsten Verhältnissen zurechtkommen, Kriminalität und Drogenhandel sind an der Tagesordnung im Quartier. Etwas Abwechslung in den tristen Alltag bringen Basketballspiele auf der Strasse.

In den kommenden Jahren wächst Emmanuel zu einem intelligenten und aufgeweckten jungen Mann heran, während seine Schwester jung Mutter wird und sein älterer Bruder immer mehr im Drogensumpf zu versinken droht. Auch Mutter Cheryl kämpft gegen ihre Medikamentenabhängigkeit. Emmanuel lässt sich von alledem die Lebensfreude nicht nehmen - doch dann bricht ein schwerer Schicksalsschlag über die ohnehin schon gebeutelte Familie herein.

Angenehm zu schauen ist 17 Blocks sicherlich nicht mit seinen verwackelten Handkamera-Aufnahmen und einer Dramaturgie, die mehrheitlich aus dem Zufall entstanden ist. Und doch fasziniert dieses 20 Jahre umfassende Filmprojekt von Davy Rothbart durch seine ungefilterte Authentizität, die es den Zuschauern schwierig macht, sich von dem Geschehen auf der Leinwand zu distanzieren. So hinterlässt der Film einen unerwartet bedrückenden emotionalen Nachhall.

Man kommt kaum darum herum, während 17 Blocks an Boyhood zu denken, ist die Versuchsanordnung doch die gleiche: ein über mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte angelegtes Filmprojekt, bei dem die Darsteller in real altern. Einen wichtigen Unterschied gibt es allerdings: Basiert Richard Linklaters Drama auf einem fiktionalen Drehbuch und wird von professionellen Schauspielern gespielt, ist im Film von Davy Rothbart alles real. Natürlich ist die Prämisse «Einem Jungen die Kamera in die Hand drücken und ihn einfach filmen lassen», mit der sich der Film verkauft, ein bisschen überspitzt. Denn immer wieder sind Interview-Situationen zu sehen, bei denen zumindest in Ansätzen eine lenkende Hand des Regisseurs vermutet werden kann.

Und doch bietet der Film eine geballte Ladung Authentizität - im Guten wie im Schlechten. Im Schlechten, weil die wackligen Amateuraufnahmen doch sehr anstrengend zu schauen sind, zumal dem Film ja kein Drehbuch zugrunde liegt. Im Guten, weil durch diese beinahe ungefilterte Wiedergabe ein viel direkterer emotionaler Bezug zwischen den Zuschauern und den Protagonisten hergestellt wird. Dies zeigt sich insbesondere nach ziemlich zähen ersten 30 Filmminuten, als die Familie von einem Schicksalsschlag getroffen wird, der auch auf die Zuschauer wie ein Schlag in die Magengrube wirkt.

So wird der Film in der zweiten Hälfte stärker. Dazu trägt auch bei, dass dank besserem Equipment die Bilder immer besser werden. 17 Blocks zeigt so als unauffälligen kleinen Nebeneffekt auch die rasante technologische Entwicklung der letzten 20 Jahre. Vor allem zeigt es aber einen ungeschönten Blick in ein Quartier, in dem das Leben ein täglicher Überlebenskampf ist. Dass dieses Quartier nicht irgendwo in Afrika liegt, sondern in der Hauptstadt der USA - und dies ganz in der Nähe des Capitols, worauf auch der Filmtitel verweist -, verdeutlicht den gesellschaftlichen Graben, der das Land auch heute noch spaltet. Und macht den Film auf traurige Weise aktuell.

/ ebe