Zone Rouge (2018)

Zone Rouge (2018)

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Filmkritik: Ein Abend zum Vergessen

14. Zurich Film Festival 2018
«Ich versauf im Pool und du versäufst dein Geld?»
«Ich versauf im Pool und du versäufst dein Geld?» © Frenetic Films

Es ist doch immer dasselbe mit diesen Klassentreffen. Endlich könnte man mal so richtig jemandem zeigen, wie man sich gemacht hat und die süssen Früchte der Bewunderung ernten, doch dann geht alles in die Hose. Ziemlich gut gelaunt versammeln sich nach einem solchen Treffen fünf Mittvierziger auf einen Absacker bei Marie (Chantal Le Moign).

Während alle auf dem erfolglosen Autor Andreas (Nicolas Rosat) rumhacken und die intellektuellen Profilierungsversuche der hochnäsigen Gender-Studies-Professorin Semiha (Siir Eloglu) nicht abreissen wollen, reissen zwischen dem chauvinistischen Schauspieler Patrick (Michael Neuenschwander) und dem ehemaligen Berufssoldaten Georges (Christopher Buchholz) alte Gräben auf. Es kommt, wie's kommen muss. Die Fassade fällt und der anfänglichen Euphorie weicht mehr als nur blanke Ernüchterung. Im Rausch von Alkohol und Drogen offenbart jeder seine verletzliche Seite und hadert mit dem eigenen Schicksal. Die Stimmung nähert sich allmählich dem Nullpunkt, als Maries verführerische Tochter Juliette (Marie Popall) dazustösst...

Eine Geschichte, bei der die Figuren durch Enthüllungen vergangener Ereignisse Kontur gewinnen, klingt aufregend. Diese in Bezug zur zerbombten und bis heute gefährlichen Hauptkampfzone des Ersten Weltkriegs (Zone Rouge) zu stellen, ist eine delikate Aufgabe. Leider verspielt Zone Rouge eine anspruchsvolle Ausgangslage mit einer dürftigen Schauspielleistung, miserablen Dialogen und einer gnadenlosen Überstrapazierung zusammenhangsloser Skandalons. Der Bezug dieses fiktiven Mini-Klassentreffens zu den kriegerischen Unsagbarkeiten wirkt reisserisch und ist in etwa so erträglich wie der Kater nach dem exzessiven Konsum von billigem Alkohol an einer After-Party.

Klar, es sind alles andere als Charmebolzen, die sie da spielen. Und sie müssen einem auf den Geist gehen. Doch Ekelpaket ist nicht gleich Ekelpaket. In diesem Drama kauft man den Schauspielern weder ihre Schnoddrigkeit noch ihre Verletzlichkeit ab. Ob nun postklimakterische Nervensäge oder krampfhaft junggebliebener Gigolo, es ist von allem zu viel. An jedem Charakter sollen immer noch mehr Abgründe, geheime Sehnsüchte und Narben gescheiterter Pläne aufgerissen werden, aber die Darsteller können, mit Ausnahme Christopher Buchholz', nicht mithalten. Das ist vor allem für den Zuschauer schmerzhaft, der sich mit plakativen Typen konfrontiert sieht, die von Höhepunkt zu Höhepunkt jagen, ohne dabei je Tiefe entwickeln zu können.

Gekünstelt scheinen auch die am klassischen Theater orientierten Posen, die immer wieder eingesetzt werden. Regisseur Inan Cihans Zuhause ist das Schauspielhaus, und man ist bald versucht zu sagen: «Regisseur, bleib bei deinen Brettern, die die Welt bedeuten.» Denn der Parkett der Marie kommt nicht annähernd an jene ran. Da hilft auch der nervtötende Mix aus Bern- und Hochdeutsch nicht weiter, gerade wenn sich der Film unausgesprochen am Kaliber der Kleistschen Katastrophenpoetik misst. Eine Liebesgeschichte, eine alte Rivalität, Jugendsünden, Schlägereien, Identitätskrisen, eine Morddrohung, Inzest, Kriegstraumata, Transsexualität: Das alles soll in Zone Rouge Platz finden. Diese unerhörten Momente sollten das Geschehen in den Abgrund reissen, doch sie reissen gleich den gesamten Film mit sich.

So sehr man es auch möchte, etwas Erbauliches lässt sich diesem Film nicht abringen. Zone Rouge eiert um Weingläser und Zigarettenpackungen herum, wird mit jeder Minute abstruser und sucht umso krampfhafter nach Relevanz. Er inszeniert zwar die Belanglosigkeit dessen, was wir tun und worauf wir stolz zu sein scheinen, ist aber selbst so belanglos wie ein ausgedrückter Kippenstummel. Die inneren Sehnsüchte der Figuren verkommen zu kitschigem Quatsch und prätentiöser Pose. Der wunderbaren Poesie des sich gleichsam als Motto aufgepfropften kriegskritischen Gedichts In Flanders Fields wird der Streifen in keiner Sekunde gerecht, und es ärgert einen bodenlos, dass das Gedicht für eine solch schwachsinnige Geschichte zweckentfremdet wurde. Das Poem ist neben dem grossen, impressionistisch anmutenden Gemälde eines Detonationskraters das mit Abstand Beste an diesem Film, der sich nahezu selbst zur cineastischen Zone Rouge erklärt.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Deutsch, 01:38