Wolkenbruch (2018)

Wolkenbruch (2018)

  1. ,
  2. 90 Minuten

Filmkritik: Jung, ledig, jüdisch sucht...

14. Zurich Film Festival 2018
Sie schiebt er auf die lange Bank...
Sie schiebt er auf die lange Bank...

Genug vom Schidduch! So nennt sich das Verkupplungsritual, mit denen jüdisch-orthodoxe Eltern ihre Zöglinge mit den passenden Ehepartnern zusammenführen. Doch Mordecai Wolkenbruch (Joel Basman), kurz: "Motti", ist ein besonders schwieriger Fall: Keine der vielen jungen Damen, die seine eifrige Mutter (Inge Maux) für ihn schon ausgesucht hat, löst auch nur ansatzweise Schmetterlinge in seinem Bauch aus. Im Gegenteil: Die Vorstellung, dass mit der Heirat sein weiterer Lebensweg nach jüdischer Tradition schon vorgezeichnet scheint, bereitet ihm Bauchschmerzen.

...sie nicht.
...sie nicht.

Und es kommt noch dicker: An der Uni lernt Motti die attraktive Laura (Noémie Schmidt) kennen und verliebt sich in sie. Auch Laura scheint von ihrem etwas tapsigen, aber sonst ganz lieben Mitstudenten angezogen zu fühlen. Es geht nicht lange, da kommen sich die beiden näher. Doch da ist ein kleines, aber nicht ganz unwesentliches Problem: Laura ist eine Schickse, sprich: eine Nichtjüdin. Wenn da mal nur die Mutter nichts davon erfährt!

Michael Steiner macht auf sicher. Mit Wolkenbruch inszeniert der erst gefeierte, dann gefallene Schweizer Regisseur einen gmögigen Crowdpleaser, der kaum jemandem wehtun dürfte, dem aber auch die Originalität seiner früheren Werke ein wenig abgeht. Dass er es immer noch kann, beweist Steiner damit allen, die jemals daran gezweifelt haben. Handkehrum löst er damit wohl auch keine allzu heftigen Emotionen mehr aus - weder auf die eine noch auf die andere Seite. Fast etwas wehmütig denkt man da an die Zeiten zurück, in denen man sich so richtig über sein Missen-Massaker aufregen durfte.

Wäre Unbeholfenheit eine olympische Disziplin, Motti Wolkenbruch wäre wohl ein heisser Medaillenanwärter. Der Protagonist, der diesem Film seinen Namen leiht, wird von Joel Basman dermassen treuherzig-tollpatschig dargestellt, dass es fast schon wehtut. Doch allzu schlimm ist dies nicht, fliegen ihm die Frauen anscheinend dennoch nach, ohne dass er sich dabei mal gross anstrengen muss. Das ist wohl nicht allzu realitätsnah, aber wir sind hier auch in einem Film, und in einem potenziellen Publikumsliebling obendrauf.

Denn nach seinem bösen Abschiffer mit dem Missen Massaker und seinen in den Medien erschöpft diskutierten privaten und beruflichen Problemen hat sich Michael Steiner mit der Verfilmung des Romanes von Thomas Meyer eines Stoffes angenommen, der nach Quotenhit geradezu riecht: ein bisschen Culture Clash, ein bisschen Humor, ein bisschen Drama und ein Schuss Lebensweisheit. Dass Steiner selbst nicht jüdischen Glaubens ist, dürfte höchstens diejenigen stören, die auch der Ansicht sind, dass man nur Detektivfilme drehen darf, wenn man selbst mal Detektiv gewesen ist.

Wie schon die Buchvorlage switcht auch der Film zwischen Jiddisch und Hochdeutsch hin und her, was ihm einen eigenen Charme verleiht. Trotz des fehlenden Schweizerdeutschs ist die Swissness auch hier ausgeprägt, zahlreichen bekannten Züri-Locations sei Dank. Um den Ich-Erzähler Wolkenbruch zu lancieren, setzt Steiner das von House of Cards bekannte Erzählmittel ein, den Protagonisten direkt in die Kamera zu den Zuschauern sprechen zu lassen. Das ist sicher eleganter als eine Off-Stimme, ausserdem bietet es die Gelegenheit zu einigen originellen Pointen. Amüsant sind insbesondere die Szenen, in denen sich der Protagonist die möglichen Konsequenzen seines Tuns ausmalt.

Sein Gespür für gutes Storytelling stellt Steiner in seinem neuesten Film routiniert unter Beweis. Und mit seinen Protagonisten geht er liebevoll um, ohne sich über sie lustig zu machen. Doch leider schleichen sich diesmal etwas allzu viel Klischees in die Geschichte rein, vor allem bei den Frauenrollen: Inge Maux als dominante Mutter - und Quell vieler Pointen - ist gleichermassen stereotyp gezeichnet wie diejenige von Noémie Schmidt als ach so frech-hippe Züri-Studentin und Objekt von Wolkenbruchs Begierde. Warum sie sich dermassen zu Wolkenbruch hingezogen fühlt, erschliesst sich während des gesamten Filmes nicht ganz, und so funktioniert auch die Love-Story nicht richtig, die eigentlich den Kern der Geschichte hätte bilden sollen.

So bietet der Film wohl bekömmliche und nicht zu schwere Unterhaltung, jedoch auch herzlich wenig Überraschungen. Die teilweise etwas überdrehte, aber mitreissende Erzähllust, die einen Eugen, ein Sennentuntschi und - ja! - teilweise sogar ein Missen-Massaker ausgezeichnet hat, wird zugunsten einer gleichermassen netten wie vorhersehbaren Geschichte geopfert. Es scheint so, als sei Steiner endlich doch noch im Schweizer Filmkuchen angekommen. Im Guten wie im Schlechten.

/ ebe

Kommentare Total: 5

Bellowulf

Das war ein erfrischend gutgemachter und witziger Film. Die Schauspieler sind fast alle top, insbesondere der Hauptdarsteller und seine Mutter. Die Dialoge sind gut geschrieben und die Pointen auf den Punkt und immer wieder überraschend. Sicher auf gleichem Niveau wie die göttliche Komödie, nur witziger...

Koni4711

Waren an der Vorpremiere von Wolkenbruch in Zug, bei ausverkaufter Aufführung!
Sehr gute Präsentation durch die diversen Filmschaffenden und Produzent!
Film und Musik waren für uns speziell und bereichernd. Es lohnt sich, nach dem lesen vom Buch auch diesen Film zu sehen! Gratulation!

globinli

War ein meist sehr lustiger, unterhaltsamer Film. Ob die orthodoxen Juden den lustig finden, sei dahin gestellt. Auch hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. Kenne die jüdischen Bräuche wirklich nur oberflächlich. Trotzdem nimmt der Film einem in eine doch sehr spezielle Welt mit hinein.

Aber ob der Film einem jetzt mehr zur jüdischen Kulrur hin nimmt oder eher das bestätigt, was man sich so denkt - muss jeder selber wissen.

Jedenfalls mal ein ganz anderer Film. So total nicht hollywoodmässig - und das hat uns gefallen!

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen