What They Had (2018)

What They Had (2018)

  1. 101 Minuten

Filmkritik: Never Let Her Go

Drei Generationen Everhardt Frauen
Drei Generationen Everhardt Frauen © Impuls Pictures AG

Norbert (Robert Forster) und Ruth Everhardt (Blythe Danner) führen seit sechzig Jahren eine glückliche Beziehung. Trotz ihrer fortschreitenden Demenzerkrankung pflegt "Berti" seine Frau in der gemeinsamen Wohnung in Chicago. Sohn Nicholas (Michael Shannon) hilft aus, wo er nur kann, aber die Sorgen werden grösser. Am Heiligabend geschieht dann die erwartete Katastrophe, Ruth verschwindet in der Nacht und wandert geradewegs in einen Schneesturm.

"Love is commitment."
"Love is commitment." © Impuls Pictures AG

Der Notfall ruft auch Nicolas' Schwester "Bitty" (Hilary Swank) auf den Plan. Gemeinsam mit ihrer Tochter Emma (Taissa Farmiga) macht sie sich von Kalifornien aus auf den Weg in ihre Heimatstadt. Für Bitty ist die weihnachtliche Reise auch eine Flucht vor dem Alltag und ihrer unglücklichen Ehe. Nach Ruths Rückkehr und einer kurzen besinnlichen Zeit droht die grosse Familienkrise. Nicolas will seinen Vater unbedingt davon überzeugen, dass seine Mutter in einem Pflegeheim besser aufgehoben ist. Bitty steht dabei zwischen den Stühlen und die Zeit drängt.

What They Had ist ein ansehnliches amerikanisches Drama mit einem guten Cast. Die glaubhafte Liebesbeziehung von Ruth und Berti in Kombination mit der Alzheimererkrankung sorgt für zahlreiche emotionale Momente. Dabei liegen die Stärken des Films im Familiendrama in den eigenen vier Wänden. Nicht nur die klassische Heimkehrgeschichte der Tochter lenkt im positiven Sinne etwas vom Drama ab. Allerdings erreicht die Handlung früh seinen Höhepunkt und reiht danach Epilog an Epilog.

Die Erinnerungen kehren zurück, vielleicht zum letzten Mal. Ruths Leben zieht sich in Form von alten Heimvideos und Fotos durch den Film. Immer wieder erzählt sie aus ihrer Kindheit, von ihren Eltern und dass sie einen Freund hat. Bertie nimmt es mit einem Lächeln und erklärt ihr wenn nötig auch zum zehnten Mal, dass er ihr Ehemann sei. Es ist nicht nur seine grosse Rede für persönliche Pflege, die er seinen Kindern hält. Es sind auch die kleinen und alltäglichen Dinge, die er für seine Ruth tut. Die Beziehung der beiden ist so gross, dass selbst Bitty neidisch wird. Robert Forster spielt das Familienoberhaupt nicht sturköpfig, sondern mit viel Leidenschaft und Überzeugung.

Neben Foster überzeugt aus dem guten Ensemble vor allem Michael Shannon, der hier eine seiner netteren Figuren spielt. Etwas mürrisch, aber mit dem Herz am richtigen Fleck. Trotz der ernsten Thematik bietet das Drehbuch von Regisseurin Elizabeth Chomko auch humorvolle Situationen. Die Dialoge sind in vielen Szenen auf den Punkt gebracht. Ruths Erinnerungslücken geben dem jeweiligen Gesprächspartner Raum für Empathie. Es ist stets ein respektvoller Umgang mit der Krankheit. Formal orientiert sich What They Had an modernen amerikanischen Dramen, warmes Licht am Abend und überbelichtete Räume bei Tag sorgen für einen vertrauten Look. Nur selten bricht man wirklich aus, wie mit dem Einsatz der Fischaugenkamera in einer Stresssituation.

Hauptfigur Bitty zeigt die Komplexität der Familiensituation. Bis auf ihre Mutter gibt es niemanden in der Familie, mit dem sie nicht einen Konflikt zu lösen hätte. Ihre Rückkehr in die alte Heimat scheint wie ein Brandbeschleuniger für ihre Probleme zu wirken. Die Vertrautheit mit Bruder Nick und die unterdrückten Gefühle dem Vater gegenüber sind dabei wesentlich interessanter als die Auseinandersetzung mit dem abwesenden Ehemann.

Mit dem finalen Streit in Chicago erreicht die Handlung verfrüht ihren Höhepunkt. Ohne Michael Shannon fehlt es in der Beziehungsdynamik und Bittys unausweichliche Abreise nach Kalifornien sorgt für mehrere Zeitsprünge. Für die Auflösung aller Konflikt reiht man etwas holprig Epilog an Epilog, wobei sich die Probleme wirklich nicht über die Feiertage lösen lassen. Und wer bis hierher noch nicht emotional berührt war, wird es vielleicht beim bittersüssen Ende sein.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:14