Werk ohne Autor (2018)

Werk ohne Autor (2018)

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  3. 188 Minuten

Filmkritik: Kunst und Kitsch

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018
Kurt und Elisabeth
Kurt und Elisabeth

1937: Bereits als kleiner Junge wird Kurt (Cai Cohrs) von seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) an die Kunst herangeführt. Die beiden haben eine innige Beziehung. Doch als Elisabeth einen mentalen Zusammenbruch erleidet, wird sie in die Psychiatrie gebracht und später von den Nazis ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht es den mittlerweile zwanzigjährigen Kurt (Tom Schilling) an die Kunstakademie in Dresden.

Kurt und Ellie
Kurt und Ellie

Hier lernt er die Studentin Ellie (Paula Beer) kennen und lieben, die ihn sehr an Elisabeth erinnert. Ellies Vater, der angesehene Gynäkologe Carl Seeband (Sebastian Koch), ist bestürzt über ihre Partnerwahl und setzt alles daran, das Paar auseinanderzubringen. Weder Kurt und Ellie noch Carl ahnen, dass ihre Leben bereits durch ein schreckliches Verbrechen verbunden sind, das Carl zur Zeit das Nationalsozialismus begangen hat.

Inspiriert vom Schaffen und Leben des Malers Gerhard Richter, erzählt dieses fiktionalisierte Biopic von der Suche eines Künstlers nach seinem eigenen Stil. Dafür nimmt sich Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck ausgiebig Zeit: Ganze 188 Minuten dauert sein Werk ohne Autor. Der Regisseur verwebt deutsche Historie mit High-Brow-Kunststory und einer romantischen Liebesgeschichte zu einem Epos, das bei genauer Betrachtung seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Nach seinem preisgekrönten Regiedebüt Das Leben der Anderen blieb Florian Henckel von Donnersmarcks zweiter Film, The Tourist, hinter den Erwartungen zurück. Danach wurde es still um den Zweimetermann aus Deutschland. Nach acht Jahren wartet der Regisseur und Drehbuchautor nun endlich mit seinem dritten Film auf und wurde direkt vorsorglich als deutscher Oscar-Anwärter ins Rennen geschickt. In Werk ohne Autor zeigt von Donnersmarck, wie Opfer und Täter im Nachkriegsdeutschland - oft unbewusst - nebeneinander lebten. Und dass neue Systeme nicht immer den erhofften Wandel bringen.

Über drei Dekaden spannt die Story des Künstlers Kurt, der von einer Kindheit unter dem Nationalsozialismus geprägt ist und auch in der DDR keine passenden Ausdrucksmöglichkeiten findet. Tom Schilling spielt ihn als besonnenen jungen Mann, der sich trotz persönlicher Rückschläge nicht von seinem Ziel abbringen lässt. Ihm zur Seite steht eine der gefragtesten deutschsprachigen Schauspielerinnen: Paula Beer. Leider bleibt Beers schauspielerisches Können grösstenteils ungenutzt, denn Ellie ist vor allem da, um Kurt in seinem Schaffen zu unterstützen. In der zweiten Hälfte des Films bekommen die Zuschauer sie vorwiegend in Sex- und (ausreichend) Nacktszenen zu sehen. Mehr Figurentiefe kommt Oliver Masucci in der Rolle des Professors Antonius van Verten zugute, die auf dem Künstler Joseph Beuys beruht. In ihren wenigen Szenen zeigt die Figur mehr Komplexität als Ellie über den gesamten Film. Sebastian Koch spielt den skrupellosen Gynäkologen mit kühler Routine.

Wichtiger als die Figuren scheint in Werk ohne Autor der kreative Schaffensprozess selbst zu sein. "Alles, was wahr ist, ist schön", sagt Tante Elisabeth zu Anfang des Films. "Sieh niemals weg." Erst zum Schluss lernt Kurt diese Botschaft wirklich zu verstehen. Seine Kunst enthüllt eine Wahrheit, die selbst er nicht sehen konnte. Eng angelehnt an die Biografie Gerhard Richters, zeichnet von Donnersmarck die Geschichte eines Malers, der sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss, um seine künstlerische Identität zu finden. Trauma als Inspirationsquelle.

Visuell und technisch folgt Werk ohne Autor dem Vorbild grosser Geschichtsdramen. Kostüme und Ausstattung sind originalgetreu und haben den ästhetischen Look eines klassischen Historienfilms, in dem alles glatter und sauberer wirkt, als es in Wirklichkeit war. Von Donnersmarck setzt auf grosses Kino im Stile seines Idols Steven Spielberg, vergreift sich dabei aber manchmal im Ton. Fragwürdig ist sicherlich eine Montage, in der von Donnersmarck den Tod Elisabeths in der Gaskammer neben Bilder der Bombardierung Dresdens stellt.

Der Soundtrack von Max Richter (Shutter Island) wird bis zum Maximum ausgespielt. Kaum klingt ein Lied aus, ertönen bereits die Klänge des nächsten, um die Zuschauer emotional durch den Film zu lotsen. Hinzu kommen Dialogzeilen, die ab und an zu dick aufgetragen sind, beispielsweise wenn Kurt zu Ellie sagt: "Du bist so schön, dass es schon unromantisch ist". Entstanden ist dabei ein Film, der auf den ersten Blick gut aussieht, sich im Nachhinein aber falsch anfühlt.

/ swo