Welcome to Sodom (2018)

Welcome to Sodom (2018)

  1. 90 Minuten

Filmkritik: The dark side of electronical devices

Let it all burn
Let it all burn

Ghana, im Stadtteil Agbogbloshie der Millionenmetropole Accra: Am Odaw-River, in der Korle-Lagune, liegt "Sodom": eine Deponie auf ehemaligem Sumpfland, wo ein Grossteil der europäischen Elektrogeräte landen, die ihren Zenit überschritten haben. Computer, alte Smartphones, Kabel, sämtliche Hardware werden nach Ghana verschifft, meist illegal, und dort regelrecht ausgeschlachtet: Kabel werden zu Bündeln aufgerollt und auf offenem Feuer verbrannt, die Gummimantelung schmilzt und zurück bleibt das wertvolle Kupfer, von dem die Bewohner Sodoms leben. Computergehäuse werden aufgetrennt, um an die wertvollen Mineralstoffe wie Phosphor und Cadmium zu gelangen.

"Gib mir dein iPhone!"
"Gib mir dein iPhone!"

Dass die Umwelt, der vorbeifliessende Fluss, das eigens angepflanzte Gemüse und die Menschen selbst regelrecht vergiftet werden durch die toxischen Dämpfe und Metalle, nehmen die Bewohnerinnen und Bewohner in Kauf, schliesslich geht es ums nackte Überleben. Die Menschen leben in slumartigen Behausungen, auf dem aufgeschütteten Müll zwischen den Hütten spielen Kinder, Jugendliche singen und tanzen. Ein ganz normaler Alltag an einem der giftigsten Orte des Planeten.

Ein neues Smartphone wollen wir alle, dass aber das alte sehr wahrscheinlich in der "Sodom" genannten, weltweit grössten Elektromüll-Deponie in Ghana landet, wissen wohl die wenigsten. Über 6000 Menschen leben und arbeiten dort, Dokumentationsteams sind sie sich gewohnt, dass sich aber jemand über längere Zeit mit ihnen und ihrem Lebensstil befasst, weniger. Genau dies taten Florian Weigensamer und Christian Krönes. Ohne ein Urteil zu fällen, ohne die Aussagen zu gewichten, zeigen sie uns den Alltag an einem der meistverseuchten Fleckchen Erde auf unserem Planeten. Eindrücklich und beklemmend.

Was sich Florian Weigensamer und Christian Krönes in ihrer neuen Dokumentation vornehmen, ist harter Tobak: Sie porträtieren die grösste Elektro-Müllhalde der Welt. Diese liegt in Ghana, auf ehemals unbefleckten, grünem Sumpfland. "Sodom" nennen es die dort wohnhaften Menschen, in Anlehnung an die biblische Stadt der Sünden. Ungefähr 6000 Menschen leben und arbeiten dort, verbrennen alte Kabel oder trennen brauchbare Teile von alten Computern von unbrauchbaren.

Hier auf dem Ödland aus Müll und verbranntem Plastik, treffen wir auf die unterschiedlichsten Menschen, die "Sodom" wohl oder übel zu ihrer Lebensgrundlage erklärt haben: Männer, Frauen, Kinder, alle leben und arbeiten sie hier, weil sie in der Gesellschaft ihren Platz verloren oder gar nie erhalten haben. Einheimische und Zugewanderte, die es als letzte Möglichkeit sehen, Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Dokumentation zeigt eindrücklich einen Mikrokosmos, der so für unsere Augen noch nie sichtbar wurde: Hier lebt ein Prophet, der aus der Bibel zitiert und die Menschen auf den richtigen Pfad führen möchte, dort ein belesener, homosexueller Zugewanderter, der aufgrund seiner sexuellen Orientierung aus seiner Heimat vertrieben wurde. Hier eine Gruppe jugendlicher Männer, die rappen, tanzen und Spass am Leben haben, dort ein kleines Kind, das seine ersten Schritte auf dem meterdick aufgestapelten Müll machen wird.

Die Regisseure schaffen es, einen völlig unwertenden Blick auf die Lebensgrundlage der Menschen in Sodom zu werfen, sie urteilen zu keiner Zeit über die Aspekte der Umweltverschmutzung und der sozialen Ungerechtigkeit und zeigen aus neutralem Blickwinkel das Leben der Kupfer-Gewinner in all seinen Facetten. Es ist eine dystopische Welt am Ufer der Korle-Lagune, wo der Odaw-River vorbeifliesst. Dieser, einer der schmutzigsten Flüsse weltweit, trägt den Restmüll ins offene Meer. Die Menschen trennen in zwei separaten Gebieten das Kupfer der Kabel von dessen Plastikhülle, auf offenen Feuern verbrennen die Jugendlichen den Elektroschrott der halben Welt. Unweit davon wird Gemüse angepflanzt, die Ziegen selbst bedienen sich des restlichen Grüngutes zwischen giftigen Dämpfen und toxisch-verseuchtem Boden.

Mit eindrücklichen, düsteren und kontrastreichen Bildern von brennendem Feuer, Rauch und dunklem, verrusstem Boden tauchen die Zuschauer ab in diese Welt, die erst durch die Konsumgeilheit Westens, entstehen konnte. Die Regisseure lassen die Bewohnerinnen und Bewohner zu Wort kommen und uns ihre ganz persönlichen Geschichten, Anekdoten und Lebenserfahrungen erzählen, was den Dokumentarfilm unglaublich authentisch macht. Welcome To Sodom ist keine leichte Kost für zwischendurch, sondern eine Dokumentation, die noch lange im Gedächtnis heften bleibt und alle zum Nachdenken anregen sollte.

/ yab