Welcome to Marwen (2018)

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Willkommen in Marwen
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Filmkritik: The Perks of Being an Inglourious Gump

Lass die Röcke rocken!
Lass die Röcke rocken!

Seit er von einer Gruppe junger Männer brutal zusammengeschlagen worden ist, leidet Mark Hogancamp (Steve Carell) unter einem schweren Hirnschaden. Er kann sich nur noch bruchstückhaft an sein Leben vor dem Vorfall erinnern, und seiner früheren Passion, dem Zeichnen, kann er nicht mehr nachgehen. Um den traumatischen Erinnerungen zu entfliehen, kreiert er aus kleinen Plastikfiguren eine kleine belgische Stadt namens Marwen. Diese besteht aus seinem Alter Ego, dem heldenhaften Cap'n Hogie, sowie einer schlagkräftigen Truppe aus Kämpferinnen, die er seinen weiblichen Bekannten nachempfunden hat. Zusammen kämpfen sie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gegen eine Gruppe rüder Nazis.

Mit seinem Ökoauto liegt er voll im Trend.
Mit seinem Ökoauto liegt er voll im Trend.

Seine Fantasiewelt hält Mark fotografisch fest und wird so zu einem lokal bekannten Künstler. Als eines Tages die neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann) einzieht, ist er sehr von ihr angetan und nimmt sie sofort in sein Figuren-Portfolio auf. Doch gleichzeitig rückt im realen Leben der Prozess gegen seine Peiniger näher, an dem er aussagen muss. Obwohl die Konfrontation in ihm Panik auslöst, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich seinem Trauma zu stellen.

Wer gerne Klischee-Bingo spielt, wird an Welcome to Marwen seine Freude haben. Der Animations-Realfilm-Mix von Robert Zemeckis bedient so ziemlich aller Stereotype des sentimentalen Hollywood-Tränenkinos. Und dies leider so hanebüchen, dass man sich darüber entweder grün und blau ärgern oder sich ob der unfreiwilligen Komik schieflachen kann. Klar, nicht alles an diesem Film ist Scheisse, aber gemessen an den eigenen Ansprüchen - und dem Budget! - verdient diese rührselige Mischung aus Forrest Gump, The Perks of Being a Wallflower und Inglourious Basterds die Tiefstnote.

Da haben den Studiobossen wahrscheinlich schon die Dollarzeichen beziehungsweise die Oscarstatuetten in den Äuglein geflackert: Basierend auf einer wahren Geschichte! Oscarregisseur! Komiker in einer ernsten Rolle! Aussenseiter-Story! Das klingt doch alles schwer nach Academy-Material. Da kann eigentlich fast nichts schiefgehen. Doch die Umsetzung beweist das Gegenteil. Es kann sogar ziemlich alles schiefgehen. Das fanden übrigens auch die Zuschauer. Nachdem der Film in den USA gefloppt ist, wird er von den hiesigen Verleihern gar nicht erst aufs Kinopublikum losgelassen, sondern direkt in die Streamingportale verbannt.

Nun, wo haperts? Gehen wir der Reihe nach und beginnen bei der Geschichte. "Based on a true story" verwendet man in Hollywood ja gerne als Schutzschild gegen alle Kritiker, die der Story Unglaubwürdigkeit ankreiden wollen. In diesem Fall ist die "True story" jene von Mark Hogenkamp, die bereits 2010 im Dokumentarfilm Marwencol nacherzählt worden ist. Was er erlitten hat, ist zweifelsohne schrecklich, doch fast genauso schrecklich sind die hölzernen Dialoge und die vorhersehbaren Wendungen. Unfreiwillig komisches Highlight aus Deutschschweizer Sicht für alle, die den Film im Original schauen: eine sprechende Nazipuppe mit (unbeabsichtigtem?) Schweizer Akzent.

Nächster Punkt: der Oscarregisseur - der hier übrigens auch das Drehbuch mitverbrochen hat: Robert Zemeckis, Schöpfer von Back to the Future oder Forrest Gump. Ein Mann, dem man nicht sagen muss, wie man einen guten Film macht. Um so erstaunlicher, dass er sich hier in diesem nervösen Mix aus Realfilm und Motion Capture verliert. Natürlich ist dieser handwerklich solide inszeniert. Doch funktioniert die Verschmelzung der beiden Teile nicht, denn die animierten Szenen wirken immer wieder als Bremser in der Handlung. Immerhin: Dadurch wird wenigstens die himmelschreiend kitschige Rahmenhandlung jeweils für ein paar Minuten abgeklemmt.

Dann wäre da der Komiker in der ernsten Rolle, Steve Carell. Dass er nicht nur den Clown geben kann, bewies er bereits vor fünf Jahren in Foxcatcher, für den er für den Oscar nominiert wurde. Darauf hoffte er insgeheim wohl auch hier, doch mit einer Performance wie in Welcome to Marwen wird das nichts mit der Statuette. Exemplarisch dafür eine Fremdschäm-Szene gegen Ende, bei der man als Zuschauer am liebsten gar nicht hinsehen will.

Kommen wir zum letzten Punkt, der Aussenseiter-Story. Es ist geradezu rührend, wie sich nicht nur die weiblichen Charaktere in Marks Phantasie, sondern auch diejenigen im realen Leben um den vermeintlichen Sonderling kümmern und sich an Toleranz, Verständnis und Nächstenliebe überbieten. So lobenswert das sein mag, so hat man doch Mühe zu glauben, dass in der wahren Geschichte hinter diesem Film niemand hinter vorgehaltener Hand über den "Creep" getuschelt hat. Das wäre zwar gar nicht nett, würde dem Film aber wenigstens einen etwas weniger scheinheiligen Touch verleihen.

/ ebe

Kommentare Total: 2

yan

Ich kann ebes Kritik nachvollziehen. Der Film wirkt nicht stimmig. Das Thema und die Umsetzung ist genau so weird, wie seine Hauptfigur. Dennoch hat mir Steve Carell eigentlich ganz gut gefallen und der Mix zwischen Realfilm und Animation hat auch gepasst. Leider ist das Drehbuch zu sehr auf Kitsch und Emotionen aus, um wirklich positiv aufzufallen und in Erinnerung zu bleiben.

Sentimentaler Hollywood-Kitsch, technisch raffiniert gemacht, aber mit eigenartigen und widersprüchlichen Tönen - gerade was überflüssige traditionelle Geschlechterrollen betrifft.

ebe

Filmkritik: The Perks of Being an Inglourious Gump

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