Der Unschuldige (2018)

Der Unschuldige (2018)

  1. ,
  2. 114 Minuten

Filmkritik: Mindfuckli

43rd Toronto International Film Festival
Tut Mut Ruth gut?
Tut Mut Ruth gut?

Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit Ruths (Judith Hofmann) damaliger Freund Andi (Thomas Schüpbach) für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Ruth schickte ihm zu Beginn regelmässig Briefe, bekam jedoch nie eine Antwort auf diese. Irgenwann versucht sie es einfach nicht mehr, Andi zu erreichen. Heute ist Ruth verheiratet, Mutter von zwei Teenager-Töchtern, arbeitet in einem Labor für Neurowissenschaften und geht regelmässig mit ihrer Familie in eine Freikirche.

Ob Handauflegen was bringt?
Ob Handauflegen was bringt?

Doch die Gewissheit, dass Andi bald aus dem Knast entlassen wird, lässt sie unruhig werden. So beginnt Ruth zu glauben, dass sie verfolgt wird. Ist es vielleicht Andi? Diese Paranoia lässt auch nicht nach als bekannt wird, dass Andi nur wenige Tage nach seiner Entlassung nach Indien flog und dort bei einem Unfall ums Leben kam. Ruth beginnt langsam den Verstand zu verlieren.

Wie schon sein Erstlingwerk Chrieg besitzt auch Der Unschuldige diesen aus hypnotischen und düsteren Bildern generierten Sog. Dank der starken Hauptdarstellein Judith Hoffman und einer mysteriösen Story, bei der nie wirklich klar wird, was genau Traum und was Realität ist, ergibt dies einen faszinierenden Trip, der noch länger im Gedächtnis bleiben wird. Ein echter Schweizer Mindfuck - ein "Mindfuckli".

Unsere Nachbarn im Norden behaupten ja gerne, dass die Schweizer bei ihrer Art von Deutsch einfach bei Nomen ein "li" anhängen und gut ist. Na dann: Der Unschuldige von Simon Jaquemet ist in diesem Fall ein echtes "Mindfuckli".

Es ist gewiss kein einfacher Film, aber ein verdammt faszinierender. Jaquemets Werk ist eines der Widersprüche. Protagonistin Ruth ist eine Gläubige, die bei ihrem Job im Spital in ein Experiment involiert ist, bei dem Unsterblichkeit erreicht werden will. Die Tochter des Freikirchen-Priesters trifft sich zum Sex mit zwei Jungs im Wald. Und ein Unschuldiger muss 20 Jahre in den Knast. Vor allem letztere Tatsache ist zum Verrücktwerden - und genau das passiert dann mit der von Judith Hoffman grossartig gespielten Ruth.

Der Film lässt dabei vieles offen: Was ist Traum, was ist Realität? Geht es um Erlösung? Wieso vergräbt Ruth zu Beginn Fleisch? Und was hat ein Affenkopf damit mit zu tun? Der Film besitzt einige WTF-Momente, die man so noch selten in einem Schweizer Film gesehen hat. Jaquemet wird viele Zuschauer definitiv vor den Kopf stossen. Doch sein Zweitling wirkt nie wie eine reine Provokation. Für das nimmt er die Figuren und das Szenario zu ernst.

Wie schon sein Vorgängerwerk Chrieg entwickelt auch Der Unschuldige mit visuell atemberaubenden Bildern einen Sog, den man sich nur schwer entziehen kann. Wenn man einen weiteren Schweizer Vergleichsfilm nennen möchte, sei da noch Aloys erwähnt, dessen Regisseur Tobias Nölle in der gleichen Filmproduktionsfirma (8horses) wie Jaquemet arbeitet. Diese drei Werke sind der Beweis, dass der Schweizer Film auf dem richtigen Weg ist und man das hiesige Filmschaffen nicht nur gut finden muss, weil es aus dem eigenen Land kommt.

Mit 114 Minuten ist Der Unschuldige jedoch etwas zu lange geraten - gewisse Szenen ziehen sich hin -, und es fällt schwer, mit einer Figur mitzubangen, der gegenüber man immer etwas auf Distanz bleibt. Doch trotzdem möchte man wissen, was hier genau gespielt wird, und so starrt man bis zum Schluss gebannt auf die Leinwand. Erwartet einfach keine klaren Antworten. Jaquemet spielt mit dem Publikum und hat sichtlich Freude daran - und wir sind derweil stolz so einen Filmemacher zu haben. "Hopp Schwiiz" für dieses "Mindfuckli".

/ crs

Kommentare Total: 4

yan

Mindfuck hin oder her, wenn nichts zusammenpasst, bringt auch das nix....

JJVOB

Richtig oberflächlicher Film. Extreme Klischee's werden aufgegriffen.
Themenmässig echt viel Konfliktstoff vorhanden, was nicht unbedingt realistisch ist: Tierversuche, sexuell Ausschweifungen, Exorzismus, öffentlich praktizierter Zungengesang, Wahnvorstellungen, psychische Zusammenbrüche, manipulierender Kirchenführer. Für mein Geschmack übertrieben.

jon

Narrativ lose strukturierte Filme wie Der Unschuldige leben eigentlich immer von der Glaubwürdigkeit und Ausdruckskraft ihrer Protagonisten, welche dadurch das Szenengeflecht zusammenhalten. Man denke etwa an Juliette Binoche in Code inconnu oder zuletzt Claes Bang in The Square.

Hier scheitert Jaquemet's Film leider. Gewiss, Judith Hofmann steigert sich mit vollem Körpereinsatz in die Rolle von Ruth hinein und die Kamera stellt mit zahllosen Grossaufnahmen sicher, dass wir jedes Wimpernzucken von ihr warnehmen - glaubwürdig ist das alles nicht. Was aber mehr mit dem Script und der szenischen Auflösung denn mit dem Schauspiel zu tun hat. Es wirkt schlicht und einfach nicht so, als hätte Jaquemet verstanden, wie stark gläubige Menschen funktionieren und mit welchen Konflikten sie zu kämpfen haben. Stattdessen werden effekthascherische Szenen aneinandergereiht, in denen Ruth oder ihre Familie oder deren Gemeinde "schockierende" Sachen tun. Als hätte Jaquemet vergessen, dass die Realität glaubhaft etabliert werden muss, bevor der Vorschlaghammer der Provokation hervorgeholt werden kann. Man denke an Haneke, der in Das weisse Band die Dynamik, den zwischenmenschlichen Umgang und das Machtgefälle in einer Pfarrsfamilie bestechend genau zeichnet, bevor der Sohn ausgepeitscht wird. Andersrum geht nicht.

In Der Unschuldige habe ich keine Sekunde geglaubt, dass Ruth seit 15 Jahren in dieser Familie lebt, dass sie diese beiden Töchter grossgezogen hat, dass sie diesen Mann mal geliebt hat, dass sie jeden Sonntag den Gottesdienst besucht und in dieser Gemeinde gelebt hat. Und so entfaltete auch keine der folgenden "krassen" Szenen eine wirkliche emotionale Wirkung.

Wenn schon deprimierende Religionskritik, dann wohl lieber Paradies: Glaube.

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen

Trailer Schweizerdeutsch, 01:55