Under the Silver Lake (2018)

Under the Silver Lake (2018)

  1. , ,
  2. 139 Minuten

Filmkritik: He follows

71e Festival de Cannes 2018
Der Mann ohne Plan
Der Mann ohne Plan

Dem arbeitslosen Sam (Andrew Garfield) droht der Rauswurf aus seiner Wohnung in Los Angeles, wenn er nicht in den nächsten fünf Tagen die überfällige Miete bezahlt. Das kratzt ihn aber nicht besonders, lieber hängt er zigarettenrauchend auf dem Balkon und beobachtet mit dem Feldstecher hübsche Frauen in der Nachbarschaft. Eines Tages entdeckt er dabei die attraktive Blondine Sarah (Riley Keough), von der er sofort in den Bann gezogen ist. Kurz darauf tritt er mit ihr in Kontakt und beginnt mit ihr rumzuknuspern. Bevor es aber richtig zur Sache geht, wirft sie ihn raus und vertröstet ihn auf morgen.

Marilyn is my middle name!
Marilyn is my middle name!

Doch leider gibt's kein Morgen. Am nächsten Tag ist Sarah spurlos verschwunden. In ihrer Wohnung finden sich nur noch ein seltsames Zeichen und eine Kiste mit Gegenständen. Sie sei wohl weggezogen, meint ihr Nachbar schulterzuckend. Doch Sam lässt das nicht los. Er macht sich auf die Suche nach Sarah und verliert sich dabei zunehmend in einem Labyrinth an Hinweisen, in dem unter anderem ein Hundemörder, Stinktiere, Obdachlose, eine Cornflakes-Packung, die Lieblingsschauspielerin seiner Mutter und jede Menge hübsche junge Frauen wichtige Rolle zu spielen scheinen.

Der neue Film des It Follows-Regisseurs David Robert Mitchell ist ein Puzzlespiel, bei dem zahlreiche Puzzlestücke fehlen. Das ist aber letztendlich egal, denn bei Under the Silver Lake geht es gar nicht darum, das Puzzle fertig zusammenzusetzen. Dank einem wunderbar versifften Andrew Garfield, einem Soundtrack, der auch die Längen souverän übertönt und einer stimmigen Inszenierung ist dieser bekiffte Film noir im Inherent Vice-Stil auf jeden Fall sehenswert. Am besten mehrmals.

David Robert Mitchell hätte es sich auch einfacher machen können. Denn der Nachfolgefilm seines vielbeachteten Indie-Horror-Hits It Follows ist nicht einfach ein weiterer Genre-Streifen, sondern ein verwirrender Mindfuck-Film, der gleichzeitig als Parodie und als ernsthafter Thriller funktioniert. Damit meldet er zwar künstlerische Ambitionen an, geht aber gleichzeitig das Risiko ein, die Fans des Vorgängers vor den Kopf zu stossen. Denn Under the Silver Lake ist sicher nicht gerade das, was man massentauglich nennt.

Ein bisschen fühlt man sich als Zuschauer dabei wie Andrew Garfields Charakter Sam: Man hat die ganze Zeit das Gefühl, die Erleuchtung stehe kurz bevor, doch dann wirft der Film eine neue Frage auf. Dass am Schluss nur ein Bruchteil dieser Fragen beantwortet wird, versteht sich von selbst. So sei denn auch die Warnung ausgesprochen: Under the Silver Lake ist einer dieser Filme, die gar nicht darauf ausgelegt sind, alles bündig zu erklären.

Und doch ist dieses Mosaik an Rätseln auf seine ganz eigene Art faszinierend. David Lynch winkt am Horizont. Streckenweise erinnert Mitchells Film mit seinem LA-Setting denn auch an dessen Meisterwerk Mulholland Dr. - einfach etwas greller. Von den Filmen neueren Datums ist er am ehesten mit Paul Thomas Andersons nicht minder verwirrendem Inherent Vice zu vergleichen. Nur macht Mitchells Film mehr Spass, da er sich mit seinen vielen popkulturellen Referenzen etwas zugänglicher gibt.

Unverkennbar sind dabei die Verweise auf Film-noir-Klassiker aus Hollywood wie The Maltese Falcon oder The Big Sleep. An alte Hollywoodfilme angelehnt ist auch die dominant eingesetzte Musik, die teilweise auch bei scheinbar belanglosen Szenen - ok, zugegeben, was ist bei diesem Film schon belanglos? - dramatisch anschwillt. Überhaupt würde Under the Silver Lake ohne die Musik wohl irgendwann ein bisschen zäh. Doch der Score ist es, der die konfuse Geschichte über die lange Laufzeit von 140 Minuten zu tragen vermag.

Und dann ist da natürlich noch Andrew Garfield. Der Ex-Spiderman - einen Verweis auf seine bekannteste Rolle gibt's übrigens auch zu sehen - stolpert unrasiert und verpeilt von der einen Femme fatale zur nächsten und tappt dabei in Fallen, aus denen er sich immer irgendwie rauszuschlingern vermag. Ein Stehaufmännchen, ein bisschen ähnlich wie der hüpfende Super Mario, der in diesem Film ebenfalls seinen Platz findet, genauso wie die Gitarre von Kurt Cobain und der Kopf von James Dean. Irgendwie hängt alles miteinander zusammen. Wie genau, das mag sich jeder selbst zusammenreimen.

/ ebe

Kommentare Total: 4

sma

"Only I know the secrets of Silverlake."

Beim zweiten Mal ist mir erst richtig aufgefallen, was für eine unsympathische Hauptfigur Sam ist. Ein Verschwörungstheoretiker ohne Charme, voller Desinteresse und Verbitterung. Ausserdem zieht sich die letzte Stunde ganz schön, wenn man die Handlung schon kennt. Aber dass der Film viele Längen hat, ist mir auch schon beim ersten Mal aufgefallen. All filler, no thriller.
Immer noch gut ist dafür Andrew Garfield in der Hauptrolle, wie er durch Los Angeles stolpert. Die kleinen absurden Geschichten innerhalb des Films sind interessant, besonders die um den Owl's Kiss. Die Musik ist gut in den Film implementiert und viele Einstellungen und Szenen sehen schon verdammt gut aus. Ein schlechter Film mit den besten Absichten.

yan

David Robert Mitchell hat bereits mit seinem Erstling It Follows gezeigt, dass er sein Handwerk versteht und dies möchte ich ihm auch bei Under The Silver Lake nicht absprechen. Inszeniert ist UTSL einwandfrei.

Doch sein zweiter Film hat mich praktisch zu keiner Zeit gepackt. Die Überlänge macht sich immer wieder bemerkbar, da der Plot einfach nicht so viel hergibt, wie er gerne würde. Surrealer Mindfuck, etwas aufgepeppt mit Popkultur, einem Soundtrack, der den Film zu mehr macht, als er eigentlich ist und bekannte Gesichter, die das Ganze abrunden. Leider will diese knapp zweieinhalbstündige Schnitzeljagd nicht funktionieren. Ob nun beabsichtigt oder nicht, der Film wirft zu viele Fragen auf, als er beantwortet und übertreibt es mit der Zeit so sehr, dass es ermüdend wird.

Man spürt zwar zwischendurch den Zauber eines David Lynchs, aber im Vergleich zu Mullholland Drive ist Under the Silver Lake nicht der Rede wert und nur ein aufmüpfiger, sexistischer Versuch wenig bis nichts als etwas Grosses zu vermarkten.

ebe

Filmkritik: He follows

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen