Tully (2018)

Tully (2018)

  1. ,
  2. 95 Minuten

Filmkritik: Marlo & Me

Lazy Tuesday
Lazy Tuesday

Marlo (Charlize Theron) lebt den amerikanischen Traum. Gemeinsam mit ihrem Mann Drew (Ron Livingston) und ihren Kindern Sarah und Jonah wohnt die arbeitende Mutter in einem kleinen Haus in der Vorstadt. Und das dritte Kind ist schon auf dem Weg. Hochschwanger absolviert Marlo gekonnt den täglichen Alltagsstress. Bei einem Abendessen mit der Familie bietet ihr wohlhabender Bruder Craig (Mark Duplass) ihr als Unterstützung ein Kindermädchen für die Nacht an. Die Mutter schläft, die Nanny wacht.

The Night Manager
The Night Manager

Aus Stolz lehnt Marlo die Offerte zunächst ab. Aber zwei fordernde Kinder, ein unfähiger Ehemann und ein neugeborenes Baby sorgen bereits kurz nach der Geburt dafür, dass die dreifache Mutter an ihre Grenzen stösst. Sie kommt auf das Angebot ihres Bruders zurück, und so steht eines Abends Tully (Mackenzie Davis) vor der Tür. Die aufgeweckte junge Studentin ist ein wahrer Sonnenschein. Mit ihrer Energie und Leidenschaft weckt Tully längst vergessene Seiten in Marlo.

Tully ist wohl die ehrlichste Darstellung von Mutterschaft, die man bisher aus Hollywood gesehen hat. Die unterhaltsame Komödie überzeugt mit ihrem Wortwitz und ihren beiden Hauptdarstellerinnen. Vor allem Charlize Theron glänzt in einer sehr körperlichen Rolle. Aber nicht alle Probleme werden hier weggelacht, der gesellschaftliche Druck ist sehr real, und vielleicht ist das Erwachsenwerden auch für junge Eltern noch kein abgeschlossener Prozess.

Tully ist bereits die dritte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Jason Reitman und der Drehbuchautorin Diablo Cody. Nicht nur kann man Gemeinsamkeiten zwischen den Filmen entdecken, es fühlt sich sogar an wie ein Prozess: von der schwangeren Teenagerin in Juno zur unglücklichen Autorin in Young Adult und schliesslich hin zur gestressten Mutter. Es sind amerikanische Vorstadtgeschichten über das Erwachsenwerden.

In der ersten Szene sehen wir den grossen runden Bauch von Marlo. Liebevoll kümmert sie sich um ihren Sohn, der an einer Entwicklungsstörung zu leiden scheint. Es dauert eine ganze Weile, bis wir das Gesicht von Charlize Theron sehen - müde, aber mit einem sanften Lächeln. Zuletzt hat man die Südafrikanerin immer wieder als Actionstar gesehen, die es durchtrainiert mit der Männerwelt aufnimmt. Hier sind es nicht nur ihre Füsse, die aufgedunsen sind. Die Folgen des Wunders der Geburt sind offensichtlich und sie tragen dazu bei, Therons Schauspiel so glaubwürdig zu machen. Der Film trennt nicht zwischen körperlicher und geistiger Belastung. Ein zynischer Kommentar im Café stresst genauso sehr wie eine schlaflose Nacht oder die Parkplatzsuche mit schreienden Kindern im Wagen. Es ist ein ehrlicher Umgang mit dem Thema Mutterschaft.

Die wichtigste Figur an Marlos Seite ist Tully, auch wenn sie sich bis zu ihrem ersten Leinwandauftritt Zeit lässt. Mackenzie Davis passt perfekt in die Titelrolle, ihre freigeistige Figur ist glaubwürdig und äusserst liebenswert. Dass die junge Studentin einen Energieüberfluss wie Saudi-Arabien hat, dürfte jedem sofort auffallen. Die interessante Freundschaft, die sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, zeigt nicht nur Marlo ihre Sehnsüchte auf. Es ist auch eine Botschaft, dass es keine Schwäche ist, Hilfe anzunehmen. Dass man auch als Mutter noch über seine Wünsche und Träume reden kann, selbst wenn man keine Tully zu Hause hat.

Tully ist einer der besseren Filme von Jason Reitman. Die Komödie überzeugt mit zwei starken Hauptdarstellerinnen und einem gut geschriebenen Drehbuch. Der Humor funktioniert dank seiner Mischung aus Alltagstragik und Wortwitz hervorragend. Man leidet ein wenig mit Marlo und kann trotzdem noch über ihre sarkastischen Antworten lachen. Allerdings kommt es im letzten Akt zu einem harten Bruch, der dem restlichen Film einen faden Beigeschmack gibt. Die Romantisierung der Probleme fühlt sich nicht mehr richtig an, und wir sehnen uns wie Marlo nach vergangenen Zeiten zurück.

/ sma

Kommentare Total: 3

yan

Charlize Theron und Mackenzie Davis sind grossartig! Reitmans neustes Drama Tully bietet tolle und lebensnahe Unterhaltung, die ans Herz geht, aber auch viele Lacher bereithält. Das letzte Drittel kommt unerwartet und verleiht dem Film einerseits eine vorher kaum sichtbare Tiefe, andererseits stört dieser abrupte Bruch das Fellgood-Feeling, das sich der Film über seine Laufzeit aufgebaut hat.

4.5

andycolette

Kein Wahnsinns Film aber schön! Das Leben einer überforderter Mutter!! Tolle Performance von Charlize Theron ????

sma

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