Wardi - The Tower (2018/I)

Wardi - The Tower (2018/I)

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  2. 74 Minuten

Filmkritik: Damals, als ich noch gezeichnet war

17. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2019
Unsere Heldin will hoch hinaus!
Unsere Heldin will hoch hinaus!

Die 11-jährige Wardi lebt im Flüchtlingslager Bourj el-Barajneh bei Beirut, wo sich seit der Vertreibung aus dem 1948 gegründeten Staat Israel palästinensische Flüchtlinge ihre eigene Flüchtlingsstadt aufgebaut haben. Wardi ist gut in der Schule und möchte später Ärztin werden; ihre ältere Schwester wählt einen anderen Ausweg aus dem Flüchtlingslager, indem sie einen Mann in Schweden heiraten wird, obwohl sie eigentlich einen jungen Mann aus dem Flüchtlingslager liebt.

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug?
Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug?

Eines Tages gibt Wardis Urgrossvater Sidi ihr einen Schlüssel, auf den sie zukünftig gut aufpassen soll. Wardi weiss, dass es sich dabei um den Schlüssel seines alten Hauses in Galliläa handelt, das er damals als Kind verlassen musste. Der Schlüssel symbolisierte stets seine Hoffnung, irgendwann doch noch in die Heimat zurückkehren zu können. Weil Wardi Sidi helfen und ihm seine Hoffnung zurückgeben will, beginnt sie Fragen über die Vergangenheit zu stellen. In der Folge berichten ihr verschiedene Verwandte von ihren Erinnerungen an die Zeit seit der Vertreibung. Sie erzählen von Flucht, dem Aufbau einer neuen Heimat, den Ängsten und Hoffnungen verschiedener Generationen.

In einem Mix aus Stop-Motion-Animation, Zeichentricksequenzen und Fotografien gibt Wardi Einblicke in die unterschiedlichen Erfahrungen von Palästinensern, die flüchten mussten. Die kindliche Perspektive und das Design der knautschgesichtigen Knetfiguren schwächen die ernsten Flucht- und Kriegserfahrungen etwas ab, zeichnen vielleicht aber gerade deshalb ein vielfältiges und berührendes Bild einer Gesellschaft im Exil.

Jeden 15. Mai gedenken Palästinenser rund um die Welt der sogenannten "Katastrophe", genannt Nakba oder an-Nakba. Diese bezeichnet die Flucht respektive Vertreibung von etwa 700'000 arabischen Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina, das 1948 zum unabhängigen Staat Israel wurde. An Nakba orientiert sich auch der Animationsfilm Wardi, indem alle gezeigten Ereignisse wie eine eigene Zeitrechnung zu diesem schicksalhaften Ereignis in Bezug gesetzt werden.

Der norwegische Regisseur Mats Grorud, der in den Neunzigerjahren an der Universität in Beirut studiert hat und deshalb viele Bewohner des Flüchtlingslagers Bourj el-Barajneh persönlich kennenlernen konnte, widmet sich der palästinensischen Exilerfahrung gleich über mehrere Generationen. Die Geschichte eines kleinen Mädchens im Flüchtlingslager erzählt Grorud deshalb in unterschiedlichen Animationsstilen, um die verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen plastisch einfangen zu können.

So wird die gegenwärtige Erzählebene, in der Wardi nach und nach verschiedene Verwandte besucht, mit liebenswert knautschig-haarigen Figürchen erzählt, die durch Stop-Motion-Animation zum Leben erweckt werden. Als Kontrast dazu werden die in den Vierzigern, Fünfzigern und Achtzigern spielenden Erinnerungssequenzen der Erwachsenen in einem einfach gehaltenen Zeichenstil in 2D-Animation gezeigt. Gegen Ende hin sucht der Film schliesslich noch die Brücke zur nichtanimierten Realität, indem nämlich eine ganze Sequenz nur aus Fotografien besteht. Damit wird noch einmal explizit betont, dass der Film die Erfahrung unzähliger real existierender Betroffener widergibt, die sich fern von der Heimat ein neues Leben aufbauen mussten.

Wardi schafft die schwierige Balance, sowohl behutsam ein schwieriges Thema für Kinder fassbar zu machen, als auch ein komplexes Netz an Erinnerungen, Hoffnungen und Verletzungen in Animationsform darzustellen. Dies gelingt nicht zuletzt durch die hoffnungsvolle Kinderperspektive und den ganz eigenen Stilmix.

/ pps