Tout le monde debout (2018)

Tout le monde debout (2018)

Liebe bringt alles ins Rollen
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  3. 107 Minuten

Filmkritik: Liar, liar

Keine Frau ist vor Jocelyn sicher.
Keine Frau ist vor Jocelyn sicher. © Ascot Elite

Jocelyn (Franck Dubosc) ist erfolgreicher Geschäftsmann, Playboy und notorischer Lügner. Für ihn sind Frauen Trophäen, die er wie in einem Wettbewerb sammelt und gnadenlos täuscht, nur um sie ins Bett zu kriegen. Seine Gefühle versteckt er hinter einer Fassade aus Eitelkeit und Selbstbetrug. Als er eines Tages auf die gutaussehende Julie (Caroline Anglade) trifft, tut er so, als sei er körperlich behindert und benutzt zur Täuschung den Rollstuhl seiner erst kürzlich verstorbenen Mutter. Er hofft, dass sie aus Mitleid mit ihm ins Bett geht. Doch Julie ist nicht wirklich an Casanova Jocelyn interessiert, sie hat anderes mit ihm vor.

Wenn Lügen keine langen Beine haben, sondern Räder.
Wenn Lügen keine langen Beine haben, sondern Räder. © Ascot Elite

Sie nimmt ihn mit zu einem Treffen ihrer Familie, bei dem auch ihre Schwester Florence (Alexandra Lamy) zugegen ist. Jocelyn ist sofort von ihr angetan, doch die hübsche Frau ist an einen Rollstuhl gefesselt. Jetzt sieht sich der Aufreisser erst recht in seiner Rolle als Betrüger bestätigt und spielt fortan weiter den armen Querschnittgelähmten. Die beiden lernen sich immer besser kennen und es passiert das, was Jocelyn eigentlich immer vermeiden wollte: Er verliebt sich in Florence.

Tout le monde debout ist keine typische Komödie. Es ist zwar schon in erster Linie ein lustiger Film, aber da es inhaltlich auch um Liebe und Sexualität mit einer körperlichen Behinderung geht, schwingt eine gewisse Ernsthaftigkeit mit. Wer genug hat von Filmen, in denen sich ein Playboy zum besseren Menschen wandelt, kann den Film von seiner Liste streichen - er läuft genau auf dieser Schiene.

Bei Tout le monde debout muss sich der Zuschauer erst einmal mit der Hauptfigur anfreunden - Männern dürfte dies leichter fallen als Frauen - denn Jocelyn ist ein Playboy durch und durch. Jedes Mittel ist ihm recht, um die Objekte seiner Begierde ins Bett zu bringen, wobei man eigentlich solche Bettszenen nie zu sehen bekommt. Dies könnte vielleicht daran liegen, dass Regisseur und Hauptdarsteller Franck Dubosc bei diesem Klischee nicht aus dem Vollen schöpfen und Jocelyn auch für die weiblichen Zuschauer sympathischer machen wollte. Anyway, den Typen mag man einfach nicht - trotz seines guten Aussehens und französischem Charmes - denn irgendwie ist das Thema Casanova langsam aber sicher ausgelutscht.

Dies mag ein wenig stören und manch einer verdreht vielleicht schon zu Beginn die Augen, weil man diese Art von Film schon x-mal gesehen hat, aber man sollte sitzen bleiben und dem Film Zeit geben, sich zu entfalten. Spätestens dann, wenn der Rollstuhl ins Spiel kommt, beginnt Tout le monde debout sich von anderen Komödien zu unterscheiden. Es bleibt weiterhin ein Film mit viel derbem Witz, aber dieser geht niemals soweit, dass man sich über körperliche Behinderung lustig machen würde. Gekonnt wird dieses Thema in die Geschichte eingebaut und gibt dem Zuschauer einen Anstoss, unsere Mitmenschen mit Handicap mit anderen Augen zu betrachten.

Franck Dubosc hat mit Tout le monde debout kein Meisterwerk geschaffen, aber einen Film, der unterhaltet, einen zum Lachen bringt, aber auch zum Nachdenken anregt. Vielleicht hätte er sich besser noch ein bisschen mehr auf die Schauspielerei konzentriert, anstatt auch noch gleich Regie zu führen: Seine Darbietung wirkt manchmal ein bisschen gar gekünstelt. Eventuell hätte er sich auch auf eine Nebenrolle fokussieren können, da es doch ein gewisses Mass an Perfektion braucht, um beide Aufgaben souverän zu bewältigen. Dafür sind die Frauen in diesem Film umso stärker, allen voran Alexandra Lamy als Florence. Ihr nimmt man die Behinderung absolut ab, auch das Violinespielen. Sie überzeugt und kann mit ihrer Vielseitigkeit punkten. Auch Jocelyns Sekretärin Marie, verkörpert von Elsa Zylberstein, ist eine super Besetzung. Ihre Darstellung der kleinen, grauen Maus, welche niemand wahrnimmt und die unsterblich in ihren Chef verliebt ist, ist hervorragend. Der Part des besten Freundes Max hat Gérard Darmon übernommen, der in dieser Rolle auch eine gute Figur macht.

Passend abgestimmt zu den verschiedenen Gefühlslagen der Hauptdarsteller ist die Musik - mal fröhlich, mal traurig und auch schon mal mitreissend. Tout le monde debout Ist eine Komödie, die es sich lohnt anzuschauen, nicht nur wegen der Schauspieler, sondern weil auch ein Thema gefühlvoll darin eingebettet wurde, welches in unserer Gesellschaft manchmal immer noch lieber nicht angesprochen wird: Behinderung.

/ mig