Tous les dieux du ciel (2018)

Tous les dieux du ciel (2018)

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  2. 110 Minuten

Filmkritik: Only god forgives?

19. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2019
Waschtag bei Gollum?
Waschtag bei Gollum?

Simon Dormel (Jean-Luc Couchard) kümmert sich mit viel Liebe um seine seit einem Unfall in der Kindheit beeinträchtigte Schwester Estelle (Mélanie Gaydos). Sein Leben könnte besser laufen, sein Einkommen, welches er in einer Eisenwarenfabrik generiert, reicht kaum zum Leben. Das Haus seiner Eltern, in welchem er mit Estelle lebt, ist renovierungsbedürftig, die finanziellen Mittel dazu fehlen ihm allerdings. Auch bei der Arbeit könnte es besser laufen, zudem ist seine eigene psychische Verfassung nicht die beste, er besucht deshalb regelmässig einen Psychologen und erhält Pillen verschrieben.

Philosoph bei der Arbeit
Philosoph bei der Arbeit

Doch bald beginnen die Probleme: Die Behörden machen sich Sorgen, ob Simons Gesundheitszustand und die finanzielle Situation für Estelle ausreichend sind, oder ob ihm die Aufsichtspflicht entzogen werden muss. Simon will Estelle jedoch keines Falles fremdbetreuen lassen, zu sehr plagt ihn das schlechte Gewissen nach dem von ihm verschuldeten Unfall in der Kindheit, welcher Estelles Beeinträchtigung zur Folge hatte. Er würde alles tun, um weiterhin für Estelles Wohl Sorgen zu können. Wirklich alles!

Einen Mind-Fuck sondergleichen liefert uns der französische Regisseur Quarxx mit seinem neusten Langfilm Tous les dieux du ciel: Eine seltsame Story und schwarzer Humor machen aus der Tragödie zeitweise eine Komödie. Doch auch der Horror kommt nicht zu kurz, fesselnde Szenen wechseln sich ab mit solchen, welche die Zuschauer doch recht ratlos zurücklassen. Herrlich verkörpern die beiden Hauptakteure ihre Rollen: Melanie Gaydos als teilnahmslose Beeinträchtigte, in welcher durchaus mehr zu schlummern scheint als ersichtlich ist, und Jean-Luc Couchard als durch Schuld und um Versöhnung sühnender Bruder.

Tous les dieux du ciel ist eine bestechende Mischung aus Sozio-Drama und Horror, wobei die Horrorelemente erst spät zum Tragen kommen. Erst wird der soziale Abstieg von Hauptcharakter Simon Dormel nachgezeichnet, die Vorgeschichte, wie es überhaupt zur momentanen Situation kommen konnte. Stets wird dabei der Fokus auf die Schuldfrage nach dem Unfall gelegt; es wird deutlich ersichtlich, dass Simon zu kämpfen hat mit dem Unfall während der Kindheit, welcher seiner Schwester ein normal verlaufendes Leben raubte und sie mit einer Beeinträchtigung zurückliess. Diverse Rückblenden in Simons Kindheit spiegeln die Vergangenheit und den Umgang der Familie mit dem Schicksalsschlag.

Mit einer fulminanten Einstiegsszene, welche sich während des Filmes mehrmals wiederholen wird, beginnt der Film: Unter ohrenbetäubendem, sphärischem Gedröhne wird eine pulsierende Sonne gezeigt. Mehmals wird sich diese stark an The tree of life erinnernde Szene wiederholen, teilweise ist es die Sonne, teilweise sind es andere Planeten oder Aufnahmen der Stratosphäre, welche ins Zentrum der Leinwand gerückt werden. Stets erweckt es den Eindruck einer Meta-Ebene, als sollte daran erinnert werden, dass es da draussen noch etwas anderes geben kann oder muss. Audiovisuell kann Tous les dieux du ciel richtig punkten, die Locations und das heruntergekommene Haus von Simon passen hervorragend zur Story.

Trotz unübersehbarer Dramatik kommt auch der Humor nicht zu kurz, einige Szenen muten urkomisch an. Beinahe fühlt man sich an den belgischen Le tout nouveau Testament erinnert, obschon dies eine reine schwarzhumorige Komödie ist. Insgesamt sind es jedoch relativ viele WTF-Momente, welche dem Publikum entgegenfliegen, mit welchen erst einmal umgegangen werden muss. Die Dialoge zwischen Simon und Zoé und der Verlauf der Freundschaft mit Simons Schwester Estelle, unheimliche Geräusche aus dem Radio, Simons seltsames Verhalten und seine obsessive Versessenheit auf Begegnungen der dritten Art - viele seltsame Momente werden in diesen Film gepackt. Im Hintergrund bleibt jedoch stets die Thematik des besorgten Bruders um seine Schwester und den Sorgerechtsstreit bestehen, welche der Story die nötige Tiefe verleihen. Das seltsame Handeln und Tun von Simon hat also durchaus seine Gründe, dies wird dem Publikum plausibel gemacht, wenn auch die finale Auflösung dann am Ende doch deutlich anders kommt als erwartet.

/ yab