Touch Me Not (2018)

Touch Me Not (2018)

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  2. 123 Minuten

Filmkritik: Einstürzende Vorhäute

"Frame - I'm gonna live forever..."
"Frame - I'm gonna live forever..." © Xenix Film

Die Mittfünfzigerin Laura (Laura Benson) ist asexuell und empfindet Berührungen als etwas zutiefst Unangenehmes. Den Ursachen dafür möchte sie auf den Grund gehen. Sie engagiert einen Callboy, der vor ihr masturbiert, eine Transsexuelle, die ihr ihren Körper zeigt, und einen Sexualtherapeuten, mit dessen Hilfe sie ihren verborgenen Aggressionen auf den Grund gehen will. Ab und zu besucht sie einen älteren Herrn im Spital und wohnt als Zuschauerin Berührungstherapie-Sitzungen bei.

Hey Mister, wie lautete der Filmtitel?!
Hey Mister, wie lautete der Filmtitel?! © Xenix Film

Dort trifft der körperlich schwer beeinträchtigte Christian (Christian Bayerlein) auf Tómas (Tómas Lemarquis), der im Alter von 13 Jahren alle Haare verloren hat. Die beiden unterhalten sich über ihre Gefühle und ihre sexuellen Fantasien. Und dann wäre da schliesslich noch die Regisseurin Adina (Adina Pintilie), die ihre Gespräche mit Laura, Christian und Tomas mit ihrer Kamera aufnimmt und dabei auch mal mit ihren Protagonisten den Platz tauscht. Über allem steht die Frage: Was macht unsere Wünsche und Begierden aus? Und wo liegen die Grenzen des Sex?

Festivals bescheren uns Zuschauern manchmal die sonderlichsten Filme, bei denen man sich fragt, wer um alles in der Welt sich so etwas anschauen möchte. Touch Me Not ist so ein Fall: Der Debütfilm von Adina Pintilie ist lang, ereignisarm und teilweise unangenehm offenherzig. "Watch Me Not" also? Ja und nein. Einige Denkanstösse wie auch einige kreative technische Einfälle darf man dem diesjährigen Berlinale-Sieger durchaus zugutehalten. Dennoch: Viel Geduld braucht's genauso wie eine hohe Bullshit-Toleranz, wenn man sich den Film tatsächlich antun will.

Zugegeben: Mit dem wenig schmeichelhaften Ruf, der Touch Me Not nach dem umstrittenen Gewinn des Goldenen Bären in Berlin vorauseilt, ist es nicht ganz einfach, den Film unvoreingenommen zu schauen. Ich versuchte es trotzdem. Und musste auch nicht allzu lange warten, bis die Vorurteile bestätigt schienen: Das erste entblösste männliche Geschlechtsteil gibt's nämlich noch vor dem Vorspann.

Doch nicht die Schnäbis sind das Problem. Auch nicht die Sexszenen, die übrigens so zahlreich gar nicht sind. Auch nicht die körperlichen Beeinträchtigungen des Protagonisten Christian. Und auch nicht die Transsexuelle, die sich "full frontal" entblösst. Hier hält die Regisseurin lediglich drauf, wo die meisten Zuschauer instinktiv lieber wegschauen wollen. Doch damit konfrontiert sie uns auch mit unseren eigenen ästhetischen Vorstellungen, was durchaus einen spannenden Reflexionsprozess auslösen kann.

Ja, Touch Me Not hätte ein zwar unangenehm anzuschauender, aber dennoch interessanter Dokumentarfilm über ein gesellschaftliches Tabuthema werden können. Doch das war der Regisseurin offensichtlich nicht genug. Denn ihr Film ist keine Doku, sondern eine Art Kunstprojekt. Mit Laura Benson und Tómas Lemarquis sind zwei der drei Protagonisten professionelle Schauspieler, die meisten Nebendarsteller sind es ebenso. Wieviel Wahrheit und wieviel Fiktion in deren teilweise sehr persönlichen Aussagen steckt, das überlässt der Film der Interpretation der Zuschauer. Genauso wie die undurchsichtige Rahmenhandlung - wenn man dem so sagen kann -, in der Laura irgendetwas zu suchen scheint und am Schluss nackt zu Musik der Einstürzenden Neubauten tanzt. Was genau das zu bedeuten hat? You figure it out!

Mit der gewollten Langeweile, der aufdringlichen Symbolik, der semidepressiven Grundstimmung und der Verweigerung gegenüber jeglichen Erzählkonventionen erfüllt der Film auf jeden Fall mustergültig alle Kriterien des berühmt-berüchtigten Artsy-fartsy-Festivalfilms. Doch zumindest handwerklich kann man ihm nicht viel vorwerfen. Hier legt er einen bemerkenswerten Einfallsreichtum an interessanten Einstellungen an den Tag. Und eine BDSM-Szene mag zwar nicht jedermanns Sache sein, ansprechend gefilmt ist sie aber allemal.

Eine gewisse Faszination kann man dem Film so trotz 123 schwer zu erduldender Minuten nicht absprechen. Würde er sich doch nur ein bisschen weniger wichtig nehmen! Denn was letztendlich an Touch Me Not am meisten stört, ist die Vehemenz, mit der Pintilie den Zuschauern ihre Selbstbespiegelung ins Gesicht zu drücken scheint, ihr selbstgefälliges Spiel mit der Metaebene. Warum man sie nie gefragt habe, worum's in dem Film geht, fragt sie ein namenloses Gegenüber (Laura? Oder uns Zuschauer?) ganz am Anfang des Filmes. Da kann man nur antworten: Weil's nun mal eben nicht mein, sondern dein fucking Job ist, uns zu zeigen, worum's denn gehen soll!

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Deutsch, 01:29