They Shall Not Grow Old (2018)

They Shall Not Grow Old (2018)

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  3. 99 Minuten

Filmkritik: Zwischen Pflaumenmarmelade und Leichengestank

Aus dem Westen was Neues
Aus dem Westen was Neues

Am 4. August 1914 sitzen eine deutsche und eine englische Rugbymannschaft gestaffelt beim Mittagessen nebeneinander. Da ereilt sie die Nachricht, dass der Krieg ausgebrochen sei. So absurd die Situation in diesem Moment den Sportler erscheint, so arglos begeistern sich ihre Nationen für einen Kriegseintritt. Er hat sich schliesslich angebahnt und ausserdem gehen ja alle davon aus, es würde «ein zivilsierter Krieg» werden. Was kann schon schiefgehen?

A War Requiem
A War Requiem

Da marschieren sie nun, die Soldaten, schwarzweiss auf Film gebannt, dazu bereit an die Front vorzurücken. Im Hintergrund pfeifen einige unbeschwert ein Liedlein. Über 100 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit der Erste Weltkrieg sein Ende gefunden hat. Nun hört man die überlebenden Soldaten über die Anfänge sprechen. Auch im Rückblick würden sie alles nochmals so erleben wollen, sagen sie bestimmt. Es sei eine wichtige Erfahrung gewesen, denn so seien sie zu Männern geworden. Doch diese Lebensschule war nichts weniger als ein Trip durch die Hölle.

Blockbuster-Regisseur Peter Jackson (Lord of the Rings) erweckt die Jahre 1914 bis 1918 wieder zum Leben. 114 gesichtslose Veteranen legen über zwei Stunden lang ihre Erinnerungen offen, die mit aufbereiteten ungesehenen Aufnahmen kreativ, eindrücklich und einen nachdenklich stimmend illustriert werden. Von der anfänglichen Euphorie über die menschenunwürdigen Zustände an der Front bis hin zur verstörenden Kriegsverarbeitung fängt diese Dokumentation die Stimmungen der Soldaten in all ihren Ausprägungen ein und errichtet ein filmisches Denkmal für die vergessenen Schicksale des Ersten Weltkrieges.

Detailreich und teilweise minutiös werden hier Begebenheiten beschrieben, die mit scheinbar banalen Anekdoten ausgeschmückt die Welt an der Kriegsfront greifbar machen. Völlig gleich ob es um Hunderte von Granatkratern und in Stacheldraht hängende Leichen geht oder das tägliche Marmeladenproblem und der Urin als Allzweckwaffe erörtert werden, alles fügt sich zu einem grossen synästhetisch wahrnehmbaren Gemälde zusammen. Die Erzählungen, Bilder und Geräusche lassen einen Schmunzeln, den Kopf schütteln, wegschauen.

Schwer verdauliche Momente kommen vor, doch das unerträgliche Mass überschreitet They Shall Not Grow Old nie; man kann sich das Ausmass aber dennoch (freilich im uns möglichen Umfang) vorstellen. Jackson gibt hier keine Geschichtslektion mit geopolitischem Fokus, sondern einen Blick durchs Kaleidoskop der Erinnerung direkt in die Tiefen - oder sind es Abgründe? - der menschlichen Psyche und deren Überlebensmechanismen. Den gleichzeitig zutage tretenden omnipräsenten Cockney-Humor der Briten, deren Gleichgültigkeit gegenüber dem Sieg und ihre informelle Verbrüderung mit dem Gegner kann man mit der immerzu geschilderten Brutalität des Kriegsalltags nur schwer vereinbaren. An solch zutiefst humanistischen Absurditäten offenbart sich die Krisensituation ‹Krieg› konkret, und dieser Film spürt sie auf. «Wenn gerade kein Krieg war, war es wie Camping-Urlaub. Mit einem Hauch von Gefahr.» Gut gebrüllt, Veteran!

Dank ihrer geschickt konzipierten Dramaturgie hat diese Dokumentation keine Längen. Mit einer ausführlichen Einführung, die mit den üblichen Medien der Erinnerung hantiert (knisternde Tonaufnahmen, umrahmte Schwarz-Weiss-Bilder) etabliert der Film die uns gewohnte Distanz zu den Geschehnissen, um sie dann mit dem Ankommen der Soldaten an der Front auf den Kopf zu stellen. Fullscreen zeigt Jackson eine Unzahl an restaurierten und kolorierten Aufnahmen aus jenen Tagen, die den Schleier der Erinnerung herunterreissen. Man wird aus seiner Komfortzone der zeitlichen und emotionalen Distanz herausgesogen und regelrecht in das Labyrinth der Schützengräben hineingeschleudert. Wenn es denn das Wort schafft, das Grauen auszudrücken, sind es hier ausschliesslich Veteranen, die das Geschehen kommentieren. Auch wenn wir die meisten von ihnen nie zu Gesicht bekommen, schwindet unsere Distanz zu den Millionen von tragischen Schicksalen nach und nach.

Je länger man sich die Berichte aus der Todeszone anhört, desto unmöglicher scheint es einem, dass die Berichtenden dieses Elend überlebt haben - sowohl physisch als auch im Bewusstsein der Menschen. Nach Kriegsende war der Krieg kein Thema mehr, die Zivilisten konnten sich schlicht nicht vorstellen, was da abgegangen ist. Es scheint uns heute ähnlich zu gehen, wenn man bedenkt, wie weltweit mit dem Feuer gespielt wird. Somit setzen sich diese Veteranen nicht nur den Millionen von Getöteten ein Denkmal, sondern auch ein Mahnmal gegen das Vergessen dieses Welt erschütternden Ereignisses, das zum ersten Mal die Grenzen der für möglich gehaltenen Brutalität sprengte.

/ arx