The Load - Teret (2018)

The Load - Teret (2018)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: So ist es eben

Da war doch mal eine Strasse?
Da war doch mal eine Strasse?

Obwohl es Nacht ist, leuchtet der Himmel. Die Blitze der detonierenden Bomben flackern wie ein Feuerwerk über dem Horizont. Ein Kleinbus fährt auf das verlassene Gelände, darin sitzen einige Männer. Einer von ihnen heisst Vlada (Leon Lucev), ein Bär von einem Mann mit langen schwarzen Haaren, dichtem Bart, treuherzigen Augen. Er fragt den Kerl ihm gegenüber, ob er zum ersten Mal eine Lieferung ausfahren werde. Dieser bejaht. Vlada nickt. Um 21 Uhr müsse er damit in Belgrad sein.

Äxgüsi, isch da na frei?
Äxgüsi, isch da na frei?

Er selbst steht kurze Zeit später in einem matschigen Beton-Dreck-Gemisch. Nur die gähnend leeren Fassaden erinnern daran, dass dieser Flecken einmal Leben beherbergte. Auch für ihn steht ein Lastwagen bereit. Was darin ist, weiss er nicht, der Laderaum ist verriegelt. Vlada begibt sich auf die Reise durch das vom Krieg gebeutelte Jugoslawien, begleitet nur von Zigaretten und dem monotonen Rattern des Motors. Dann läuft ihm der junge Musiker Paja (Pavle Cemerikic) über den Weg.

Mit dem Roadmovie Teret begibt man sich nicht nur auf eine Reise durch das zerbombte Jugoslawien, sondern auch auf eine psychologische Fahrt entlang der mentalen Grenzen. Man verfolgt eine Metapher für die Mechanismen des Überlebensinstinkts. Fast acht Jahre benötigte der serbische Regisseur Ognjen Glavonic, um dieses Projekt zu realisieren. Im ehemaligen Krisengebiet ist kaum Geld da für Filme, erst recht nicht für unbequeme wie diesen. Es ist dem jungen Serben hoch anzurechnen, dass er sein Vorhaben allen Widrigkeiten zum Trotz durchgezogen hat.

Es erinnert an das Phänomen der deutschen Nachkriegsliteratur. Gut 20 Jahre nach dem Ende des Kosovokriegs versuchen Direktbetroffene die Geschehnisse in ihrer Heimat in Worte zu fassen, Bilder für das Grauen zu finden. Nach Cold November wurde nun eine weitere filmische Erzählung realisiert, in der die Macher mit zeitlicher, aber keineswegs psychischer Distanz versuchen, ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. Der Balkan dient auch hier als Schauplatz für Dilemmata, mit denen sich die vom Krieg betroffenen Menschen konfrontiert sahen, aber er versteift sich nicht darauf. Das Jugoslawien 1999 kann überall sein.

Bereits der Titel deutet an, was der Krieg jedem Menschen aufbürdet, nicht nur eine Ladung, die man von A nach B karrt, sondern eine psychische Last, die man so schnell nicht los wird. Das Roadmovie inszeniert die in solchen Extremsituationen überlebenswichtige Kraft der Verdrängung, indem es seinen Protagonisten Vlada an dessen Grenzen treibt und wie nebenbei an ein Verbrechen erinnert, das viele heute nicht mehr wahrhaben wollen.

Das Wohlgefühl der Verdrängung provoziert das Drama nicht nur bei Vlada, sondern auch beim Zuschauer. Wann immer möglich, spielt sich das Geschehen in der Fahrerkabine ab, in diesem kargen Zufluchtsort der Menschlichkeit, wo sich Vlada einigelt und hinter dessen Glas die Realität zwar sichtbar bleibt, aber ihn nicht berühren kann. Wenn Vlada zwischendurch aussteigt und man zu sehen bekommt, wie die Welt ausserhalb der hermetisch verriegelten Camiontüren zugrunde geht, ist man froh, wieder in seine kleine Festung zurückzukehren.

So tuckert man durch die ausnahmslos triste, ausgestorbene und heruntergekommene Landschaft. Die Gefühle sind erstarrt, eisig und wortkarg die Dialoge. Man hat sich nichts zu erzählen, man will nichts erzählen. Selbst Lausbubenstreiche erhalten einen tieftraurigen Anstrich, Schicksale kreuzen sich wie Autos auf der Strasse. «So ist das eben», ist Vladas Heilmittel für die schwer erträgliche Wahrheit. Die Bildsprache übernimmt dort, wo das Wort versagt und vermittelt intensiv und berührend die Trostlosigkeit dieser Zeit.

/ arx