Stockholm (2018/I)

Stockholm (2018/I)

Die Stockholm Story - Geliebte Geisel
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  3. 92 Minuten

Filmkritik: Sinneswandel unter Druck

Liebevoll ist anders
Liebevoll ist anders

Im August 1973 überfällt Lars Nystrom (Ethan Hawke) mit Perücke, Mega-Schnauzer und Transistorradio eine schwedische Bank. Er nimmt die Beleg- und Kundschaft als Geiseln, jedoch nicht ohne bemerkt zu haben, dass die Angestellte Bianca (Noomi Rapace) bereits den Alarmknopf gedrückt hat. Die auftauchende Polizei überfordert Nystrom, welcher sich im Innern der Bank vor allem mit Bianca beschäftigt, die ihn durch ihre Tat beeindruckt hat. Er fordert bei der Polizei einen Fluchtwagen an wie seinerzeit Steve McQueen. Ausserdem verlangt er die Freilassung seines Kumpels Gunnar (Mark Strong).

Was jetzt?
Was jetzt?

Es beginnt ein Katz- und Mausspiel zwischen der Polizei, der schwedischen Regierung und den Bankräubern. Zwar lässt Nystrom einen grossen Teil der Geiseln bald mal frei, Bianca allerdings behält er bei sich. Zwischen den Beiden entwickelt sich eine Beziehung, die über das Verhältnis von Geisel und Geiselnehmer hinausgeht. Man könnte schon fast von Sympathie reden, wenn die Geisel den Räubern Ratschläge und Hinweise gibt und sich je länger je sicherer in deren Gegenwart fühlt. Dabei hat der schwedische Minister entschieden, dass der Täter die Bank keinesfalls lebend verlassen darf.

Wenn Stockholm gegen Ende, nach nicht mal 90 Minuten, sein Finale präsentiert, schauen wir zurück auf einen mit interessanter Thematik ausgestatteten Film, der aber kaum sein wahres Potenzial abrufen konnte. Ob man die Ursachen an der Umsetzung des Regisseurs oder am fehlenden Geld festmacht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Denn auch wenn die Darsteller absolut überzeugen, verlässt einen der Eindruck nicht, dass hier mehr drin gelegen wäre.

Immer wieder hört man bei Geiselnahmen vom sogenannten Stockholm-Syndrom, einem Verhalten bei dem die Geiseln ein emotionales Verhältnis zu ihren Kidnappern aufbauen. Den Ursprung dieses Phänomens finden wir in den 70er Jahren in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Regisseur Robert Budreau hat sich vorgenommen, der Geschichte dieses Syndroms auf den Grund zu gehen. Er lässt Ethan Hawke und Mark Strong als Bankräuber agieren und stellt ihnen mit Noomi Rapace eine Frau an die Seite, die durchaus weiss, was sie zu tun hat. Daraus ergibt sich Stockholm, ein Thriller, der mit eher tiefem Budget produziert wurde, aber durchaus seine guten Momente hat.

Wenn Ethan Hawke in den Anfangsminuten seinen Schnäuzer in Form bringt und in engen Lederhosen auf die Bank losmarschiert, käme man kaum auf die Idee, dass dieser Kerl ernst zu nehmen ist. Das Transistorradio wird in der Bank abgestellt, die Knarre gezogen und los geht die Aktion - für Hawke sichtlich ein Genuss, einen solchen Charakter etwas überspitzt zu geben. Das gleiche gilt für Mark Strong, dessen Figur aber deutlich weniger klar positioniert ist und den Eindruck macht, als ob er nicht immer ganz auf der Seite seines Kumpels zu stehen scheint. Vielleicht liegt es aber auch an Strongs filmischer Vorgeschichte: In letzter Zeit präsentierte er immer wieder einen zwielichtigen Charakter.

Zwischen Rauchpausen, Bob-Dylan-Songs und stockenden Verhandlungen mit der schwedischen Regierung bekommt auch Noomi Rapace immer wieder Gelegenheit, ihren Charakter zu zeigen und sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Überhaupt: Das Trio Hawke, Rapace, Strong macht einen richtig guten Job und hilft ein bisschen über die zwischendurch recht zähe dahin fliessende Story hinweg. Mit zunehmender Filmdauer werden die Highlights immer spärlicher und wir müssen uns auf die Schauspielkunst der Darsteller verlassen.

/ muri