Sofia (2018)

Sofia (2018)

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  2. 90 Minuten

Filmkritik: Armes Kind

71e Festival de Cannes 2018
One Happy Family...
One Happy Family... © Studio / Produzent

Casablanca, Marokko: Medizinstudentin Lena (Sarah Perles) ist bei Verwandten zu Besuch, die gerade einen kurz vor dem Abschluss stehenden Geschäftsdeal feiern. Doch dann merkt Lena, dass mit ihrer Cousine Sofia (Sara Elmhadi) etwas nicht stimmt. Sofia macht Bauchschmerzen für ihr Unwohlsein verantwortlich, doch nach einem Check unter vier Augen merkt Lena, dass ihre Cousine schwanger ist und das Kind in den nächsten Stunden zur Welt kommen wird. Da Sofia jedoch nicht verheiratet ist und das Austragen eines Kindes ausserhalb einer Ehe in Marokko verboten ist, drohen der jungen Frau nach der Geburt bis zu einem Jahr Gefängnis.

Glück muss Mann haben.
Glück muss Mann haben. © Studio / Produzent

Ohne ihren Eltern oder ihren Verwandten etwas zu sagen, versucht Lena sofort eine Klinik zu finden, die ihr helfen könnte, das Kind auf die Welt zu bringen. Doch niemand will der Gesetzesbrecherin Sofia helfen, da die Krankenhäuser selbst Strafen fürchten. Für die beiden Frauen beginnen bange Stunden, an deren Ende das Baby gesund auf die Welt kommt. Doch Sofias Probleme haben jetzt erst gerade begonnen.

Die Marokkanerin Meryem Benm'Barek-Aloïsi hat mit dem Drama Sofia einen packenden Film geschaffen. Einer, der seine Ausgangslage mit Marokkos Kinderverbot für nicht verheiratete Leute für nicht aufhören wollende Brandherde nutzt und damit die Zuschauer für 80 Minuten und darüber hinaus konstant bei der Stange halten kann. Das hätte auch ein gefeierter Regisseur wie der zweifache Oscarpreisträger Asghar Fahradi nur schwer besser hinbekommen.

Die Spezialität des iranischen Oscarpreisträgers Asghar Farhadi ist es eine Geschichte aufzubauen, welche die Charaktere in ein Dilemma bringt, das die Protagonisten und die Zuschauer dann für den Rest des Filmes und darüber hinaus beschäftigen wird. Farhadi schweift dabei selten vom Thema ab, sondern hat die Zuseher fest in seinem Griff. Die 34-jährige marokanische Regisseurin Meryem Benm'Barek-Aloïsi zeigt in ihrem Langfilmdebüt genau solche Qualitäten - und braucht dafür gerade mal schlanke 80 Minuten.

Wie bei Farhadis Oscar gekröntem A Separation bildet auch bei Sofia eine für die westliche Welt nur schwer begreifbare Gesetzgebung den Rahmen der Geschichte. Hier ist es die Tatsache, dass in Marokko das Gebären von Kindern nur in einer Ehe gestattet ist. Das bringt jede Menge Probleme für die hier gezeigte Sofia mit sich, die eben nicht aufhören, als der Nachwuchs dann mal auf der Welt ist. Benm'Barek-Aloïsi zieht das Szenario gnadenlos durch, lässt ihre Figuren dabei aber nicht wie reine Opfer agieren, sondern auch selbstbewusst Entscheide fällen - im durch das Gesetz zugestandenen Rahmen natürlich.

Auch wenn ihr Name im Titel steht, ist Maha Alemis Sofia hier jedoch nicht die Hauptperson. Wir erleben die Geschehnisse durch die Augen von Cousine Lena (Sarah Perles), die einfach nur helfen möchte. Das führt dann dazu, dass die nur wenig sprechende Sofia fast während des ganzen Filmes nicht richtig greifbar wird. Das ist von der Regisseurin durchaus beabsichtigt. Warum das so ist, verraten wir aus Spoilergründen nicht. Die Enthüllung kommt jedoch etwas spät im Film und so entfaltet sich diese nicht mit der ganzen Kraft, die definitiv vorhanden gewesen wäre. So hallt das Gezeigte dann vor allem nach dem etwas abgewürgten Ende nach. Den positiven Eindruck schmälert dies jedoch keinesfalls. Mit Sofia hat Benm'Barek-Aloïsi eine starke Visitenkarten abgegeben. Ein Talent, das man im Auge behalten sollte.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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