The Sisters Brothers (2018)

The Sisters Brothers (2018)

  1. , ,
  2. 121 Minuten

Filmkritik: Luege, lose, schüsse

14. Zurich Film Festival 2018
Gute Coiffeure sind rar heutzutage.
Gute Coiffeure sind rar heutzutage.

Oregon im Jahr 1851, zur Hochblüte der Goldgräberzeit: Die Brüder Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly), bekannt als "The Sisters Brothers", sind berühmt-berüchtigte Revolverhelden und Männer fürs Grobe. Ihr neuestes Ziel heisst Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Der Chemiker soll eine Formel entwickelt haben, mit der das Goldschürfen revolutioniert werden kann. Der Kopfgeldjäger John Morris (Jake Gyllenhaal) soll Warm festnageln und den Brüdern übergeben, die danach die Formel aus ihrem Opfer rausprügeln und es kaltmachen. So lautet zumindest der Auftrag ihres Chefs, eines gewissen "Commodore" (Rutger Hauer).

Der Bad Boy ist auch ein Bade-Boy.
Der Bad Boy ist auch ein Bade-Boy.

Allzu viele Probleme, Warm aufzuspüren und in seine Gewalt zu bringen, hat Morris nicht. Der Rest des Auftrags scheint Routine. Doch irgendetwas lässt ihn zögern, den netten Goldgräber seinen Killern auszuliefern. Diese wiederum kämpfen auf dem Weg zu ihrem Opfer mit ihren eigenen Problemen: Während Charlie gerne mal einen Whiskey zu viel über den Durst bringt, leidet der nachdenkliche Eli an Selbstzweifeln und den Folgen eines Spinnenbisses. Dass die vier früher oder später zusammentreffen, scheint unausweichlich. Doch wer wird das Ganze überleben?

Europäische Regisseure, die Western drehen - vor 50 Jahren waren das vor allem die Italiener, die damit sogar ein eigenes Subgenre begründet haben. Der Franzose Jacques Audiard tut es ihnen nun gleich und präsentiert mit The Sisters Brothers seinen eigenen lakonischen Blick auf den Wilden Westen. Der eher gemächlich erzählte Film ist weniger zynisch als seine Vorbilder und dennoch weit entfernt von den gängigen Genreklischees. Die Stars Joaquin Phoenix und Jake Gyllenhaal spielen ordentlich, doch stiehlt ihnen John C. Reilly als Revolverheld mit Sinnkrise glatt die Show.

Man muss immer ein bisschen aufpassen mit diesen Genre-Bezeichnungen. Denn eigentlich ist The Sisters Brothers ja kein wirklicher Western, sondern eher die Antithese eines Westerns. Ein mit französischem Accent gerufenes "Föck yü!" in Richtung Trump-Amerika und seinen patriotischen Heldenfiguren, sozusagen. Denn heroisch ist in diesem Film niemand.

Ein wenig erinnert dieser Ansatz an die berühmten Italowestern von Sergio Leone und Konsorten, die ein ähnlich desillusioniertes Bild des Wilden Westens zeichneten. Allerdings ist der vorliegende Film viel freundlicher. Hier gibt's keine grimmigen Clint Eastwoods, die den Zynismus zum Zmorgen gegessen haben. Nein, eigentlich sind die Protagonisten in diesem Film trotz ihrer Brutalität fast schon zum Knuddeln: der eine versteckt seine Unsicherheit hinter Machogehabe und Saufgelagen, der andere grübelt über die Sinnhaftigkeit seines Tuns nach und der Dritte hat ein Vatertrauma zu bewältigen. Richtig schlecht ist niemand, das Böse wirft höchstens in Person des "Commodore" - Rutger Hauer in einer Minirolle - seinen Schatten über die weite Prärie.

Die Nähe zu seinen Figuren ist eine der Stärken von Jacques Audiards Film. Während die Stars Joaquin Phoenix - der wiedermal eine versiffte Joaquin-Phoenix-Rolle spielt - und der hier etwas blasse Jake Gyllenhaal nicht die herausragenden Rollen ihrer Karriere verkörpern, so ist es John C. Reilly, dessen Eli das Herz dieses Filmes ist. Wohl nicht ganz zufällig hat der Schauspieler diesen Film auch koproduziert, denn der Stamm-Nebendarsteller Hollywoods, der bislang meist auf nette, aber leicht unterbelichtete Charaktere abonniert war, hat hier einen richtig tollen Auftritt. Seine Szene mit einer Prostituierten gehört zu den besten dieses Filmes - und auch zu den witzigsten - und das im Film eines Regisseurs, der bis jetzt nicht unbedingt zu den ganz grossen Spasskanonen der Filmwelt gezählt hat.

Mit 66 Jahren ist Jacques Audiard nicht gerade das, was man einen Regie-Newbie nennt. In Frankreich ist er längst einer der wichtigsten Filmemacher, die Goldene Palme für Dheepan vor drei Jahren war die vorläufige Krönung seiner Karriere. Und nun also, in einem Alter, in dem andere bereits ihren Ruhestand geniessen, gibt er mit dieser Romanverfilmung - die Vorlage stammt von Patrick DeWitt - sein Hollywood-Debüt. Die spannungsgeladene Atmosphäre, die Vorgängerfilme wie Un prophète zu wahren Nägelkauern gemacht hat, geht seinem neuesten allerdings ein wenig ab.

Auch in dieser Hinsicht ist The Sisters Brothers ein Anti-Western, da er sich den gängigen Regeln des Suspense immer wieder verweigert und sich ganz auf die Charaktere konzentriert. Dies dürfte einige Genrefans vor den Kopf stossen, dafür alle erfreuen, die mit unrasierten Kerlen, Knarren und Schiessereien eher wenig anfangen können. Wobei: Das alles gibt's hier auch. Aber halt einfach immer gewürzt mit einem Schuss französischer Melancholie.

/ ebe

Kommentare Total: 4

sma

John C. Reilly spielt hier in der Hauptrolle den gutmütigen Westernhelden, der Emotionen zeigen und vom Ruhestand träumen darf, während er seinen Job als Kopfgeldjäger ausübt. Viele Momente erinnern an Reillys zahlreiche Komödien, aber wirklich witzig ist The Sisters Brothers selten. Die Geschichte plätschert nur so vor sich hin und wirkt stellenweise wie eine misslungene Nachahmung eines Coen-Films. Joaquin Phoenix hat den deutlichen kleineren Anteil in der Brudergeschichte und war für mich verschenkt, es gibt keine einzige Nahaufnahme von seinem Gesicht im Film.
The Sisters Brothers bietet nicht die Freiheit des Westerngenres und verzichtet auch auf schöne Panoramaeinstellungen. Ein durch und durch mittelmässiger Film.

jon

Bin ich der einzige, der Mühe hatte, Reilly und Phoenix die Bruderschaft abzukaufen? Die beiden haben NULL visuelle Ähnlichkeit.

Aber ich pflichte Ebe bei, Reilly gibt sich so richtig rein in die Rolle (hoffentlich, er war auch Co-Produzent) und überzeugt!

Die Neuerfindung des Rads am Planwagen der Goldgräber ist der Film gewiss nicht. Schliesslich ist es glatte 47 Jahre her, weit ein gewisser Robert Altman in McCabe & Mrs. Miller das Genre bereits "entmaskulinisieren" wollte.

yan

Jacques Audiards Western The Sisters Brothers fehlt es an Spannung. Der Film schlendert wie seine zwei Hauptprotagonisten auf ihren Pferden durch die Steppe ohne viel zu erzählen. Optisch ist das zwar alles andere als schlecht und auch die gestandenen Darsteller Phoenix, Gyllenhaal, Reilly und Ahmed machen ihre Jobs souverän. Die Story hat ein paar funktionierende Lacher, einen gut-pointierten Schluss und ein cleveres Drehbuch. Trotzdem ist der Film zu lang geraten und wirkt des Öfteren ermüdend.

3.5

Kommentar schreibenAlle Kommentare anzeigen