Red Joan (2018)

Red Joan (2018)

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  2. 101 Minuten

Filmkritik: Bombenstimmung

Granny Spy
Granny Spy

England in den Neunzigern: Die Rentnerin Joan Stanley (Judi Dench) geniesst ihren wohlverdienten Ruhestand. Doch dann klopfen eines Tages Agenten des britischen Geheimdienstes MI5 bei ihr an der Tür und führen die alte Frau ab. Der Grund dafür liegt in Joans Vergangenheit. In den Dreissigerjahren ging Joan (Sophie Cookson) auf die Universität in Cambridge und machte dabei die Bekanntschaft mit dem verführerischen Kommunisten Leo (Tom Hughes). Die beiden wurden ein Paar, doch hielt die Beziehung nicht lange, da Leo immer wieder für längere Abschnitte verschwand.

"'Kommi' damit durch?!"
"'Kommi' damit durch?!"

Einige wenige Jahre später wurde Joan für das gemeine Forschungsprogramm "Tube Alloys" rekrutiert, bei dem die Briten mit der Hilfe der Kanadier an der Atombombe arbeiteten. Eine Tatsache, die Leo nicht lange verborgen blieb. Er wollte so Joan dazu bringen, geheime Dokumente den Russen zuzuspielen. Diese weigerte sich jedoch. Nachdem aber die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki fielen, kam es bei Joan zu einem Umdenken, was weitreichende Konsequenzen hatte...

In Red Joan wird der Fall Melita Norwood aufgearbeitet. Dafür wurden jedoch die Namen der Beteiligten geändert - hier heisst die Protagonistin Joan Stanley. Leider wurden nicht nur Namen ausgetauscht, sondern auch viele Spannungselemente. Immer wenn der Puls mal etwas nach oben geht, wird das Ganze durch eine Zwei-Ebenen-Erzählstruktur abgewürgt, sodass eigentlich nur das hübsche Set-Design zum Verweilen einlädt, während der Rest sehr schnell langweilt.

Dass die Engländer und die Kanadier während des Zweiten Weltkriegs an Atombomben bauten, dürfte wohl nur den grössten WW2-Experten bekannt sein. Wer dies nicht ist, kriegt bei Red Joan immerhin einen interessanten Fakt präsentiert. Warum wir jetzt aber schon mehr als zwei Sätze über das Forschungsprogramm "Tube Alloys" schreiben, sollte sich erfahrenen OutNow-Lesern schnell erschliessen: Über den Film, um den es eigentlich gehen sollte, gibt es nicht viel Erwähnenswertes zu berichten.

Denn Red Joan gehört zu der Sorte Film, die eigentlich eine packende Story zu erzählen hätten, dieses Potenzial jedoch nie wirklich nutzen. Dass das Ganze auf dem wahren Fall Melita Norwood beruht, macht die Sache nicht gerade besser, sondern ernüchternder. Eine Geschichte darüber, wie die Russen zur Atombombe kamen - was hätte man daraus für einen spannenden Stoff machen können?!

Stattdessen wird Red Joan auf zwei Zeitebenen erzählt, was den Film alle 20 Minuten um das Tempo bringt. So gut Judi Dench in der Rolle der alten Joan auch ist, lieber hätte man Sophie Cookson durchgehend zugeschaut und Dench für einen Epilog aufgespart. Doch das geht eben nicht. Immerhin haben die Macher hier Dame Judi verpflichtet und diese gilt es deshalb auch zu zeigen. Doch ihre Story mit dem Sohn, der sich von ihr abwendet, nachdem er von den alten Spionagegeschichten erfahren hat, ist schlechtestes Melodrama-Kino, das nicht ernst genommen werden kann - genau wie die hineingequetschte und pathetische Wiederversöhnung gegen Ende.

Wird der Zuschauer aber mal wieder in den Dreissigern und Vierzigern gelassen, weiss der Film vor allem durch sein Set-Design zu gefallen. Die Zeit wird mit alten Gebäuden und passender Kleidung wiedererweckt. Der Plot dümpelt derweil vor sich hin. In Spionage-Filmen muss ja nicht immer durchgehend wie in einem James-Bond-Streifen geschossen werden. Doch was Regisseur Trevor Nunn und Drehbuchautorin Lindsay Shapero hier auf die Leinwand bringen, ist grösstenteils einfach nur langweilig, vorhersehbar und ohne gross nennenswerte Highlights. Man kann sich den Film zwar durchaus anschauen, ist aber besser beraten, die Geschichte der Melita Norwood durchzulesen. Das mag zwar etwas trocken wirken, hat aber dafür deutlich weniger Schmalz.

/ crs