Peterloo (2018)

Peterloo (2018)

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Filmkritik: Freedom or Death

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018
Listen to your Hunt - when he's calling for you.
Listen to your Hunt - when he's calling for you. © Studio / Produzent

Nach den Napoleonischen Kriegen brodelt es beim Volk im Norden Englands weiter. Das politische Mitspracherecht im Parlament ist eingeschränkt. Die Frauen beginnen, sich politisch zu engagieren. Erste Zeitungen werden gegründet. In diesen ungestümen Zeiten ist in Manchester eine Kundgebung geplant. Star auf dem St. Peter's Field soll der radikale Redner Henry Hunt (Rory Kinnear) sein. Doch das Establishment schaut mit Argwohn auf das Aufmucken der Armen.

Skepsis macht sich breit.
Skepsis macht sich breit. © Studio / Produzent

Zu den knapp über die Runden Kommenden gehören auch Nellie (Maxine Peake) und ihre Familie. Ihr Sohn hat noch gegen Napoleon in Waterloo gekämpft, bekommt nun aber keine Arbeit. Die als Corn Laws bezeichneten Einfuhrzölle auf Getreide führen zu Hunger und Elend. In dieser prekären Lage entschliesst sich auch Nellie, an der Demo teilzunehmen. Mit Kind und Kegel marschiert sie nebst Tausend Anderen auf. Es soll ja ein friedlicher Anlass werden. Doch es kommt alles anders.

Mike Leighs dritter Kostümfilm nach Topsy-Turvy und Mr. Turner schildert die Hintergründe einer historischen Katastrophe. Beim Angriff bewaffneter Kräfte auf Zivilisten starben am 16. August 1819 mehr als ein Dutzend Menschen und Hunderte wurden verletzt. In Anlehnung an die Schlacht von Waterloo wurde der Vorfall später "Peterloo-Massaker" genannt. Leigh leiert dessen Umstände nüchtern herunter. Eingewobene Einzelschicksale zeugen vom linken Spin, den Leigh der Sache gibt. Die Sympathien sind in diesem staubtrockenen Film mit seiner prächtigen Ausstattung klar verteilt, aber es fehlt ihm der direkte Bezug zum Jetzt.

Das "Peterloo-Massaker" jährt sich 2019 zum 200. Mal. Zwar ein gewichtiger Aspekt der englischen Geschichte, waren die Vorgänge nicht immer präsent im Bewusstsein der englischen Nation, geschweige denn im Ausland. Doch als Mahnmal und schwelgerischer Kostümfilm ist es ein gefundenes Fressen für den immer schon sozialkritischen Mike Leigh.

Es wirkt fast schon dokumentarisch, wie man hier am Leben der Unterschicht teilhaben kann. Die Webmaschinen rattern und die "Orators" schmettern ihre Reden. Pies werden gebacken und gegen Eier getauscht. Arme Frauen singen Klagelieder. Am Originalschauplatz Manchester konnten Leigh und sein Kameramann Dick Pope zwar nicht mehr drehen, aber der Beginn des 19. Jahrhunderts wird trotzdem gekonnt wiederbelebt.

Die Grenzen zwischen Goodies und Baddies sind bei der Figurenzeichnung aber klar abgesteckt: Selbstgerechte Monarchen, keifende Magistraten, unfaire Richter auf der einen, das sich abrackernde gemeine Lumpenvolk auf der anderen Seite. Ein ganzer Reigen von Figuren taucht auf und wieder ab bei diesem überlangen Film, und Leigh gibt ihnen die Rolle, die sie beim Unglück spielten. Nur einen Hauptakteur scheint es nicht zu brauchen.

Etwas Spioniererei und abgefangene Briefe sollen Spannung in die Story bringen, bei der man weiss, wie sie ausgeht. Die Kostüme der mehrfach Bafta- und Oscar-nominierten Jacqueline Durran sind gediegen. Der Verständnisgräben zwischen Unterschicht und den oberen Zehntausend ist historisch verbürgt. Die geschwungenen Fahnen sind akkurat genäht und die Musikinstrumente zeitgenössisch. Und doch stellt sich die Frage, was uns die Toten von vor zwei Jahrhunderten heute noch kümmern sollen.

Natürlich: Auch Zeitungen wie "The Guardian" hatten ihren Ursprung zu der Zeit - gleich drei Journalisten wohnten dem Massker bei. Und demokratische Mitsprache für alle, inklusive der Frauen, ist und war ein Gut, für das sich zu kämpfen lohnt. Peterloos "Living history" wird aber vor allem Geschichtslehrer auf der Suche sind nach Pep im Unterricht beschäftigen, die damit ihre Schüler noch lange quälen können. Und weniger Mike-Leigh-Fans auf der Suche nach seinem besten Film.

/ rm

Teaser Englisch, 01:11