Pearl (2018/I)

Pearl (2018/I)

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  2. 82 Minuten

Filmkritik: Berge aus Muskeln

54. Solothurner Filmtage 2019
Superhelden unter sich: Mutter Hulk...
Superhelden unter sich: Mutter Hulk...

Lea Pearl (Julia Föry) hat jahrelang mehrere Stunden trainiert für den einen Tag: Im Eden Palace trifft sich die Elite des Bodybuildings zur Wahl der Miss Heaven, des Titels, den Lea gerne abräumen möchte. Gecoacht wird Pearl von Al (Peter Mullan), der ihr das Leben schwer macht: Sie muss sich seinen Trainingsmethoden vollständig unterwerfen. Wasser ausschwitzen und Zusatztrainings absolvieren, wenn Al findet, sie sei zu wenig dehydriert. Pearl ist konzentriert. 48 Stunden dauert es noch, bis der Wettkampf losgeht. Sie will sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, schliesslich hat sie alles in die Vorbereitungen investiert.

...und Sohn Spiderman.
...und Sohn Spiderman.

Kurz vor dem Wettbewerb kommt es, wie es nicht hätte kommen dürfen: Pearl erhält überraschend unangekündigten Besuch im Eden Palace. Ihr Ex-Mann Ben steht unerwartet mit dem gemeinsamen Sohn Joe auf der Matte. Pearl soll sich um den Jungen kümmern, da Ben etwas zu erledigen hat. Ein denkbar ungünstiger Augenblick für solch ein Anliegen. Dazu kommt, dass Pearl ihren Sohn vier Jahre lang nicht mehr gesehen hat und dieser sie nicht als seine Mutter akzeptiert. Wie wird sich Pearl entscheiden? Für den Traum vom Titel oder für die längst vergessene Familie?

Der Körperkult hält an: Elsa Amiel bringt in Pearl jedoch nicht primär den Sport des Bodybuildens näher, sondern geht auf die kritischen Aspekte davon ein. In optisch ansprechenden Bildern präsentiert sie ein Thema, das nicht jeden Tag abgehandelt wird und für viele Zuschauer gar etwas fremd anmuten dürfte. Leider kann die Regisseurin die Charaktere nicht wirklich zugänglich machen. Stets wirken sie unsympathisch und ihr Handeln teils unnachvollziehbar. Optisch sind schöne Bilder mit Detailreichtum zu sehen. Wenigstens in dieser Hinsicht kann Pearl richtig punkten.

Es ist eine unechte, sterile Welt, in der sich die Protagonistinnen von Pearl aufhalten: So fake wie ihre Augenbrauen und die falsche Bräune sind auch die Tapeten mit Sonnenuntergang und vorgegaukelter Meeressicht im Hotel Eden Palace, in dem sich alljährlich die Crème de la Crème der europäischen Bodybuilder trifft. Die Frauen, die optisch eher Hulk in Sonnenstudio-Braun gleichen, treten zur prestigeträchtigen Wahl der "Miss Heaven" an, lassen ihre Muskeln spielen und sich von einer Jury rund herum begutachten.

Aber die Welt des Bodybuilding scheint nicht nur unecht, sondern ebenso oberflächlich zu sein. Appearance over all, Platz für Menschlichkeit scheint kaum zu bleiben. Beinahe in Whiplash-artiger Manier wird Lea von ihrem Coach Al erniedrigt, gezwungen, Medikamente zu schlucken und kontrolliert. Fast entsteht der Verdacht auf Sklaverei. Zeit für Nähe, Liebe oder Geborgenheit scheint keine zu bleiben.

Leas Charakter wirkt in dieser Phase emotional stark unterkühlt. Und auch das Auftauchen ihres Sohnes ändert dies nicht schlagartig. Erst zum Ende hin schafft sie es, emotional aufzutauen. Leider etwas zu spät, denn der Charakter bleibt so lange unsympathisch, dass der Wandel keine allzu grosse Rolle mehr spielt. Wie steril diese Welt, in der sich alles um Äusserlichkeiten dreht, wirklich ist, zeigen die Vorbereitungen für den Wettbewerb: Nebenräume und Couloirs werden gänzlich mit Plastik ausgekleidet, als hätte man Angst vor einem Tropfen Schweiss oder einem Spritzer Bräunungscrème. Ein starker Kontrast, der hier entsteht zwischen hart trainierender Muskelfrau und liebender Mutter - ein Kontrast, der nie ganz aufgehoben werden kann.

Technisch macht der Film einiges richtig. Es gibt lange Szenen, in denen die Kamera Bewegungen, Läufe von Protagonistinnen aufnimmt. Diese sind durch einen intensiven Soundtrack und langsame Kameraführung geprägt. Die Dialoge fehlen hier ganz, es entstehen reine Momentaufnahmen in der konzentrierten Wettkampfvorbereitung. Übermässig viele Dialoge gibt es auch sonst nicht: Ausser einer in die Jahre kommenden Bodybuilderin scheinen sämtliche Persönlichkeiten eher wortkarg zu sein. Wesentlich ausgeprägter hingegen sind die Bilder, die teilweise mit ihrem hohen Kontrast, den Glitzereffekten durch Ohrschmuck, Körperlotion oder Bademantel und Detailreichtum überzeugen. Besonders häufig zum Einsatz kommen Close-ups von Körpern oder Körperpartien beim Training und beim Posieren.

Im Gegenzug aber gelingt es der Regisseurin in der Charakterzeichnung nicht, den Wandel von Lea für die Zuschauer vollständig nachvollziehbar zu gestalten. Dafür wirkt diese lange zu distanziert und gleichgültig ihrem Kind gegenüber. Die Szenen, in denen sich die beiden annähern und über Spiderman und Hulk diskutieren, gefallen durch feinfühligen Humor und eine gelungene Chemie zwischen den Akteuren. Mit nur 80 Minuten Laufzeit reicht die Zeit allerdings nicht aus, um umfassendere Charakterbildung zu vollziehen, so besteht stets eine gewisse Distanz zwischen Zuschauern und den Charakteren.

07.02.2019 / yab