Birds of Passage - Pájaros de verano (2018)

Birds of Passage - Pájaros de verano (2018)

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  2. 125 Minuten

Filmkritik: Böser Kapitalismus

71e Festival de Cannes 2018
Rotkäppchen
Rotkäppchen

Kolumbien zu Beginn der Siebziger im Gebiet des indigenen Wayuu-Volkes: Raphayet (Jose Acosta) möchte unbedingt um die Hand der schönen Zaida (Natalia Reyes) anhalten. Doch deren Mutter Ursula (Carmina Martinez) glaubt nicht, dass Raphayet einen geeigneten Ehemann für ihre Tochter abgeben würde. So setzt sie den beim Stamm üblichen Brautpreis dermassen hoch an, dass Raphayet diesen wohl nie aufbringen könnte. Doch der junge Mann hat gerade Kontakte zu amerikanischen Studenten geschlossen, die eigentlich dort wären, um im Land den Kommunismus einzudämmen, deren Hauptfokus jedoch beim eigenen Rausch liegt.

Die Patin
Die Patin

So schliesst Raphayet mit den Amerikanern einen Deal über Marihuana-Lieferungen und wird dadurch sehr schnell sehr reich, sodass der Brautpreis für Zaida kein Problem mehr ist. Doch es dauert nicht lange, bis Raphayet der Verlockung des Geldes vollkommen erliegt, Ärger mit den falschen Leuten bekommt und dabei nicht nur sich selbst und Zaida, sondern gleich mehrere Wayuu-Clans in grosse Gefahr bringt.

Das Epos Birds of Passage zeigt auf ungeschönte Weise die gefährliche Macht der Gier anhand eines Stammes auf, der sich beim Drogenhandel mehr als nur die Finger verbrennt. Zwar folgt der Film der Macher des gefeierten El abrazo de la serpiente dem Schema-F solcher Rise-and-Fall-Storys, doch schaut man dank den interessanten Figuren trotzdem gespannt zu.

Nach seinem visuell genialen und Oscar nominierten Dschungelfilm El abrazo de la serpiente meldet sich das kolumbianische Filmemacher-Ehepaar Cristina Gallego und Ciro Guerra mit einem Familienepos zurück, das aufzeigt, was für gefährliche Auswirkungen Gier haben kann.

Es wird recht schnell klar, dass diese Geschichte wohl kein Happy End haben wird. Die Zeichen dafür sind alle da, unter anderem mit dem plötzlichen Auftauchen von grossen Heuschrecken wie in der Bibel. Diese wachsen natürlich nicht zu riesigen Monstern wie in einem schlechten B-Horrorfilm heran, sondern das Böse ist hier der Kapitalismus, der wie ein Krebsgeschwür einen Familienclan langsam von innen zerstört. Die Stammes-Ältesten lassen zu Beginn stolz verlauten, dass sie über die Jahrhunderte noch jede Kolonialisten in die Flucht geschlagen hätten, was auch historisch verbürgt ist. Doch dem Geld erliegen dann auch sie.

Gross Spannung erzeugt dies aufgrund des ziemlich klaren Ausgangs nicht. Der Film spielt das Szenario eines typischen Gangsterfilmes Schritt für Schritt durch - einige Male wird man da an Klassiker wie City of God, Goodfellas oder Brian de Palmas Scarface erinnert. Trotzdem bleibt Birds of Passage über die ganze Laufzeit ein interessanter Film, da er den Beginn des kolumbianischen Drogenhandels aufzeigt und die Schauspieler - allen voran Carmina Martinez als Pa­t­ri­ar­chin Ursula - zu gefallen wissen.

Eine Saumode, welche sich jedoch alle Filmemacher der Welt abschminken können, sind Szenen, in denen Leute zum Essen von Ausscheidungen genötigt werden. Einen hässlichen Nachgeschmack (wääh!) verbreitet das zwar nur für kurze Zeit, doch hätte auch dieser Film bessere Wege finden können, um zu zeigen, wie weit Menschen für Geld gehen würden. Der Film ist, um es salopp zu sagen, schon genug "harter Scheiss".

Die Konsequenzen eines gierigen Handelns werden dann vor allem gegen Ende hin niederschmetternd präsentiert. Dann, wenn kein Stein mehr auf dem anderen ist und ein Clan, welcher zu Beginn noch so stolz auf sich war, in alle Windrichtungen verstreut ist. Gallego und Guerra ist ein kraftvolles, edel gefilmtes Epos gelungen, das sich aufgrund der Vier-Kapitel-Struktur zwischendurch etwas lang anfühlt, einen jedoch nach dem Ansehen noch eine Weile begleiten wird. Auch wegen der wunderschönen Bildsprache sollte man sich den Film unbedingt auf einer grossen Leinwand ansehen!

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:06