The Other Side of the Wind (2018)

The Other Side of the Wind (2018)

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  3. 122 Minuten

Filmkritik: Schräg ins Gesicht gepustet

Netflix
Möchtest du ein Whisky zum Runterspülen?
Möchtest du ein Whisky zum Runterspülen? © Netflix

Im Studio werden die Filmcrew und die Darsteller von "The Other Side of the Wind" zusammengetrommelt. Der legendäre Regisseur Jake Hannaford (John Huston) feiert seinen 70. Geburtstag und hat nicht nur seine Truppe, sondern auch weitere Jungregisseure, Filmfans und Kritiker zu seiner Feier eingeladen. Doch Hannaford ist am Set nicht zu finden, die Gruppe macht sich auf dem Weg zu seiner Residenz. Bereits ist Hannaford mit seinem engsten Kollegen Brooks Otterlake (Peter Bogdanovich) in einem Wagen auf den Strassen unterwegs. Die Rückbank ist vollgepackt mit einem Interview-Team, das ihm Fragen zum seinem Film und der Filmwelt stellt.

Ups! Ich lauf ins Bild
Ups! Ich lauf ins Bild © Netflix

Zur gleichen Zeit wird in einem Screening Room ein Teil vom "The Other Side of the Wind" gezeigt. Im Publikum sitzen der Studioboss und ein Fimkäufer. Dieser scheint vom Film nicht sehr angetan zu sein, stösst auf Unverständnis. Worum es geht, weiss weder er noch der Studioboss selbst. Auf dem Anwesen von Hannaford wird nicht viel gefeiert, sondern viel geredet. Haupthema ist Hannaford und sein Film. Es wird ein weiterer Teil davon gezeigt, bis plötzlich der Strom ausfällt. Die Stimmung zwischen dem Gastgeber und den Gästen spannt sich an.

Im Stil einer Mockumentary kommt The Other Side of the Wind als satirisches Drama daher. Es ist experimentell gefilmt und viele Stilmittel werden eingesetzt. Schnelle Szenenwechsel und eine Unmenge an Schnitten kommen hinzu. Das wirkt zu Beginn noch lebendig, doch die Hektik strengt auf Dauer an. Sämtliche Schauspieler spielen souverän, besonders John Huston passt hier wie die Faust aufs Auge. Trotz des Bildgewitters haben die Dialoge eine hohe Aussagekraft, die allerdings nicht immer fassbar sind. Keine leichte Kost, und doch zieht es einen in den Bann.

Wenn man zumindest einige Werke von Orson Welles kennt, wird gerade der Look von The Other Side of the Wind überraschen. Schon nach den Title-Credits wird man in den Film regelrecht hineingeschmissen. Viele Personen tauchen auf, alle quatschen durcheinander. Zu Beginn ist es nicht mal möglich, eine simple Zuordnung der Charaktere zu machen. Hat man trotzdem den Versuch gestartet, wechselt die Szene: Neue Umgebung, neue Charaktere, neue Handlung, neue Informationen - später zwar dann nicht im gleichen Umfang, jedoch fällt es schwer, den Augenblick zu fassen. Die ersten 40 Minuten sind hektisch und können einen mit der Bild- und Informationsgewalt überfordern. Diese schwächt sich danach nur minim ab, die Intensität bleibt auf einem hohen Niveau.

Allein schon der Stil des Filmes mit seinen vielen Inszenierungsformen ist überragend und deckt beinahe das ganze Spektrum ab: Aufnahmen in Farbe und in Schwarzweiss, sehr viele Schnitte, Nahaufnahmen, Halb-Totalen und Totalen, Rein und- rauszoomen, alles in relativ schneller Abfolge - und das Ganze im 4:3-Format. Die Ausnahme macht der Film im Film: den eigentlichen «The Other Side of the Wind» bekommen die Zuschauer auch zu Gesicht. Sie sehen dabei stückweise einen dialoglosen, avantgardistischen Farbfilm im 16:9-Format über die Erlebnisse einer Indianerfrau in der gegenwärtigen Zivilisation. So oder so sind beide Segmente experimentell gemacht und stimmig für das Gesamtkonzept eines satirischen Mockumentarys.

Die Besetzung ist von der Anzahl her gross, und der eine oder andere bekannte Name befindet sich darunter. Alle kommen natürlich daher, sogar die kleinen Nebenrollen bieten noch viel Dialog und entsprechend Screentime an. Peter Bogdanovich mal so lange vor der Kamera zu sehen ist ein Genuss. Auch Susan Strasberg als Juliet Rich, die Jake Hannaford auf den Zahn fühlt, macht ihren Job rundum solide. Herausstechend ist aber John Huston als Hannaford. Obwohl seine Figur auf dem Schriftsteller Ernest Hemmingway basiert, sticht auch der Orson Welles aus ihm heraus.

Welles' filmische Aufarbeitung bezüglich Hollywoods Experimentalkino ist schwer zugänglich, hektisch und nicht immer fassbar. Trotzdem zeigt auch dieses Werk von ihm, dass er wieder seiner Zeit voraus war. Allein schon, dass er zu Beginn der Siebzigerjahre, wo der Experimentalfilm in seiner Blütezeit war, eine Satire darüber kreiert, ist bemerkenswert. The Other Side of the Wind liefert zudem den Hinweis, dass es beim Film nicht nur um Geld, sondern auch um Kunst gehe.

Weitere Themen wie die problematische Realisierung solcher Kunstfilme oder eigensinnige, selbstzerstörerische Regisseure werden angesprochen und spiegeln auch den Inhalt des Filmes wider. Dennoch ist The Other Side of the Wind gegenüber den Zuschauern rücksichtslos und fordert viel von ihnen. Einmal schauen wird für das komplette Verständnis nicht ausreichen. Helfen könnte da die passende Doku zu diesem Werk: They'll love me when I'm dead.

Arsen Seyranian [sen]

Arsen, ein James Bond-Fan mit einem Faible für Soundtracks, begann als Freelancer und durfte sogar ein halbes Jahr lang die rechte (und linke) Hand des Chefredaktors sein. Zwar nicht immer der Schnellste, wenn das Neuste im Kino läuft, aber letztlich landet so ziemlich jeder Film vor seinen Augen.

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