The Nightingale (2018)

The Nightingale (2018)

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  3. 136 Minuten

Filmkritik: Australien blutet

75. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2018

Die Verurteilte Clare (Aisling Franciosi) hat 1825 in Tasmanien ihre Strafe von 7 Jahren unter dem brutalen Lieutenant Hawkins (Sam Claflin) und seinen britischen Soldaten abgesessen. Mit ihrer wunderschönen Stimme musste sie für die Männer singen und erhielt dadurch den Spitznamen "Nightingale" - Nachtigall. Hawkins ist nicht daran interessiert, Clare freizulassen und hält sie und ihren Ehemann Aidan weiter fest. Nach einem weiteren Ausbruch enormer Brutalität gegen die Gefangenen durch Hawkins und zwei seiner Untergebenen verlassen diese ihren Posten in der Hoffnung, im Norden befördert zu werden. Clare, körperlich wie seelisch am Ende, beschliesst, die Verfolgung aufzunehmen, um sich für die Gräueltaten zu rächen.

Um Hawkins' Spuren zu folgen, heuert Clare widerwillig den eingeborenen Billy (Baykali Ganambarr) an. Der Aborigine muss mitansehen, wie sein Volk von den Kolonialisten ausgemerzt wird und steht so den Menschen weisser Hautfarbe nicht gerade positiv gegenüber. Clare selbst hingegen hat Vorurteile gegen die Ureinwohner. Auf ihrem Pfad nach Rache und Genugtuung müssen sie beide über ihre Schatten springen und zusammenarbeiten.

Viele werden den Kopf schütteln und Jennifer Kents Rachewestern auf seine exzessive Gewaltdarstellung reduzieren. Der Film kann aber keineswegs als reisserisches Genrekino wie The Last House On the Left und Konsorten abgestempelt werden. Grund dafür sind vor allem die starken Hauptfiguren. Clara und Billy sind mehrdimensionale Charaktere, deren Schicksal fesselt und bewegt. In den letzten Minuten zeigt Kent dann noch einmal die Schönheit dieses zerrütteten Landes, und der Film endet mit einer bittersüssen Note, die lange nachklingt.

Im Jahre 2014 gelang der australischen Regisseurin Jennifer Kent mit Babadook ein Kunststück: Sie kreierte eine Horrorikone mit dem im Titel erwähnten unheimlichen Zylindergeist. Und dies in einem Film, der mit Horror aus der Insidious-Ecke nur am Rand etwas zu tun hat und eine bewegende Mutter-Tochter-Beziehung ins Zentrum stellt. Ähnlich verkleidet sie mit dem Nachfolger The Nightingale eine bewegende Meditation über die brutale Kolonisierung Australiens und die Angst vor dem "Anderen" im Gewand eines vermeintlich pulpigen Rachewesterns.

Die Gewalt, die Hauptfigur Clare in der Anfangsphase erleiden muss, ist für die Geschichte zwar nötig, aber auch definitiv zu viel und wird einige Zuschauer aus dem Saal flüchten lassen. Das Leid wäre auch mit einer solchen Szene statt mehrerer nachvollziehbar gewesen. Sie verstärken auch ein wenig das Bild der Frau, die erst dann ein "Badass" sein kann, wenn sie ganz untendurch musste.

Es wäre aber sehr schade, den Film deshalb aufzugeben. Aisling Franciosi ist eine Wucht als Clare, und Baykali Ganambarr gibt ein nicht minder unvergessliches Debüt. Die Annäherung der beiden Figuren, die durch die Umstände programmiert sind, sich zu hassen, ist grosses Kino mit viel Menschlichkeit. Umso enttäuschender driften die abgrundtief bösen englischen Soldaten gerne mal ins Karikative ab.

Gefilmt im 4:3 Format, erzählt die Regisseurin ihren Film in naturalistischen, einfachen Bildern auch als Warnung. Die schrecklichsten Momente der Menschheit sind alle zurückzuführen auf die Furcht vor allem, was anders ist. Dies macht The Nightingale zeitlos und relevant. Mutig, dass Jennifer Kent, der nach dem Erfolg von Babadook alle Türen in Hollywood offenstanden, sich für diesen unbequemen Film über ihre Heimat entschieden hat, der niemanden kalt lässt.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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Trailer Englisch, 02:19