Ming wang xing shi ke (2018)

Ming wang xing shi ke (2018)

Filmkritik: Walking through the mountains

71e Festival de Cannes 2018
It's raining, man!
It's raining, man! © Studio / Produzent

Der chinesische Filmemacher Zhun Wang macht sich mit seiner Crew auf zu einem Roadtrip der besonderen Art und Weise: Um Inspirationen für seinen nächsten Film zu finden, macht sich die Gruppe um den Regisseur auf in die Tiefen der chinesischen Berge. Erst mit einem Auto, später zu Fuss, sucht Wang alte chinesische Volkslieder, welche er in den traditionellen, versteckten Dörfern zu finden hofft.

Begleitet wird er von seiner Kameraoperateurin Chun Du, dem jungen Schauspieler Bai und dem Produzenten Hongmin Ding. Mit der Zeit verändert sich die Chemie im Team, es entwickeln sich verschiedene Dynamiken, welche den Trip durch die ungebändigte Wildnis prägen werden.

Der als Drama betitelte Ming wang xing shi ke ist viel weniger dramatisch als einfach langweilig. Ming Zhang hat den Zuschauern beinahe nichts zu erzählen und tut dies während beinahe zwei Stunden konsequent. Die charakterliche Entwicklung der Protagonisten ist minimal ausgearbeitet und wird zu wenig konkret, und am Ende ist irgendwie alles noch genau so, wie es am Anfang war.

Was als Roadtrip eines Filmteams in die tiefen Berge Chinas beginnt, nimmt kaum Fahrt auf und endet nach beinahe zwei Stunden Laufzeit ebenso, wie es begonnen hat: als Roadtrip in der ländlichen Umgebung Shanghais. Auf der Suche nach traditionellen Volksliedern, die auf Beerdigungen gespielt werden, macht sich das Team um den Regisseur Zhun Wang auf eine abenteuerlich anmutende Reise.

Leider erweist sich diese Reise als viel unspektakulärer als erwartet: Ein kleiner Fluss, der mit dem Bus nicht überquert werden kann, ein heftiger Regenschauer und eine Übernachtung bei einem Bauer in dessen spärlicher Behausung stellen noch die aufregendsten Ereignisse dar. Ansonsten stehen Stopps in Hostels und bei Bekannten des Regisseurs an. Es wird zusammen gegessen, gequatscht und gebechert, bis der Alkohol das zweite Mal den Hals durchfliesst.

Die Idee, ein Filmsetting inklusive Suche nach idealem Inhalt als Thema für einen Film zu nehmen ist nicht neu, Ähnliches haben wir erst kürzlich in Hail, Caesar! gsehen. Das kann durchaus spannend sein. Ming Zhang setzt aber mehr auf das Zwischenmenschliche und nur anfänglich kurz den Fokus auf die Mechaniken der Filmindustrie, wenn er seine Darstellerin auf einem typisch chinesischen Martial-Arts-Kampffilm-Set findet.

Die Konstellation der Charaktere verändert sich auf dieser Reise zunehmend, es werden Gemeinsamkeiten entdeckt und leichte Gefühle kommen auf. Die Crewmitglieder durchleben innere emotionale Prozesse, es ist eine Suche nach den eigenen Werten und Wertvorstellungen, dem Platz im Gefüge der Filmcrew. Im Prinzip verfolgt jedoch jeder Charakter seine eigenen Ziele. Gegen aussen werden diese inneren Prozesse zwar angedeutet, aber nicht klar definiert spür- und sichtbar.

Für den Zuschauer bleibt es ein Marsch über die Berge, der sich über knappe zwei Stunden zieht. Viel geschieht nicht, man kommt der ländlichen Tradition in China etwas näher, ohne in diese eingeführt zu werden. Wirklich narrativ ist die Geschichte nicht, leider bietet sie wenig, die darüber hinwegsehen lassen würde. Die gezeigten Charaktere sind den Zuschauern eigentlich völlig egal, sie besitzen kein Identifikations-Potenzial, und die Bilder aus chinesischen Dörfchen und ungebändigter Natur hat man irgendwann ebenfalls gesehen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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