Mid90s (2018)

Mid90s (2018)

  1. ,
  2. 84 Minuten

Filmkritik: The 90s Project

43rd Toronto International Film Festival
Skateboarding is not a crime
Skateboarding is not a crime © Filmcoopi Zürich AG

Los Angeles in den Neunzigerjahren. Der 13-jährige Stevie (Sunny Suljic) lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter Dabney (Katherine Waterston) und seinem gewalttätigen, pubertierenden Bruder Ian (Lucas Hedges). Das Familienverhältnis könnte besser sein, in der Schule läuft's dem Aussenseiter auch nicht. Er leidet unter seinem aggressiven Bruder, und seine Mutter scheint zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, als sich wirklich um die Jungen kümmern zu können.

Als er mit dem Fahrrad an einer Gruppe von Skatern vorbeifährt, beschliesst er, sich ihnen anzuschliessen. So richtig skaten kann er nicht, aber die Gruppe um Ray (Na-kel Smith), Fuckshit (sic!, Olan Prenatt), Fourth Grade (Ryder McLaughlin) und den stets eifersüchtigen Ruben (Gio Galicia) nimmt den Kleinen dennoch auf. So gerät er in Polizeikontrollen und Hauspartys, an Alkohol und Zigaretten. So richtig wohl fühlt sich der Neo-Teenager aber nirgends richtig...

Regiedebütant Jonah Hill beweist mit Mid90s viel Feingefühl und inszeniert einen herzigen, kurzweiligen Charakterfilm. Die Nostalgie lässt er fühlen anstatt sie zu zeigen, und die meisten seiner Figuren sind sympathisch. Die wenigen Ausnahmen sowie der mäandernde Plot lassen den Film aber leider eher schnell in Vergessenheit geraten. Unterhalten wird man über die knapp 80 Minuten dennoch gut.

Nachdem Jonah Hill zuerst als "der lustige Dicke" galt und dann dank Moneyball und Wolf of Wall Street an zwei Oscar-Nominationen kam, wechselt er nun auf den Regiestuhl bzw. an den Drehbuchschreibtisch. Hill ist in den Neunzigern aufgewachsen, und so könnte man meinen, Mid90s sei autobiografisch. Doch er litt weder unter einer alleinerziehenden, überforderten Mutter, noch unter einem aggressiven, distanzierten Bruder. Allerdings war auch er ein Skater wie der Protagonist Stevie in seinem Regiedebüt.

Mid90s ist einer dieser Filme, die rein durch ihre Figuren leben, denn eine wirkliche Handlung hat er nicht. Und ebendieser Protagonist Stevie, stark porträtiert von Sunny Suljic - bekannt aus The Killing of a Sacred Deer -, führt die Zuschauer durch seinen schwierigen Alltag. Sofort schliesst man den Kleinen ins Herz und leidet mit ihm auf seinem holprigen Weg, eine Zugehörigkeit zu finden.

Bei der Skatecrew, die er kennenlernt, ist das nicht ganz so schnell der Fall, denn die Figuren grinden auf der Grenze zwischen nervig und sympathisch. Sie mögen zwar nicht die klügsten sein, aber die Freundschaft der sehr verschiedenen Charaktere funktioniert. Ausserdem hat Jonah Hill hier nur Nicht-Schauspieler gecastet, die eine ansteckende Energie versprühen. Lediglich Sunnys Familie wird von "richtigen" Schauspielern dargestellt. Katherine Waterston überzeugt in ihren wenig Momenten, die sie kriegt. Und auch Lucas Hedges geht in Ordnung in der Rolle des Bruders, obwohl es etwas Eingewöhnungszeit braucht, bis man dem sonst eher braven Hedges diese Rolle abkauft.

Jonah Hill beweist ein feines Händchen für persönlichen Konflikt und dafür, wie er diesen abzubilden hat. Sein Feingefühl wird toll von der Musik von Trent Reznor und Atticus Ross untermalt, die vor allem in den "Verschnaufpausen" zwischen den Skate- und Rumblödelszenen der Gruppe zum Zug kommt. Auch der Soundtrack, wild durchmischt mit 90s-Hip-Hop und Punk, passt.

Allerdings mäandert der Film eigentlich über die ganze Laufzeit durch Los Angeles. Er wirkt ziellos und etwas verwirrt. Ob dies die Perspektive von Stevie wiederspiegeln soll? Man weiss es nicht, aber als Zuschauer kann's irritieren. Ausserdem endet der sonst sehr kurzweilige Film sehr abrupt und auf eine seltsame Weise. Es wäre zu erwarten gewesen, dass Hill hier ein Nostalgiefest veranstaltet, doch abgesehen von den ersten paar Minuten des Films hält er sich erstaunlich stark zurück. Hätte Hill hier eine strukturierte Geschichte mit etwas weniger nervigen Figuren erzählt, wäre Mid90s ein richtig toller Film geworden. Nun bleibt's beim Prädikat "gut".

/ nna