Leto (2018)

Leto (2018)

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  3. 126 Minuten

Filmkritik: Nichts mit Jared

71e Festival de Cannes 2018
"Aber Vorsicht, it's cool, man"
"Aber Vorsicht, it's cool, man" © Xenix Filmdistribution GmbH

Russland in den Achtzigern: Rocker Mike (Roman Bilyk) ist ein einflussreicher Mann in der Branche. Seine Band spielt oft vor ausverkauften Haus, und zudem ist er auch Mitglied eines Aufsichtsrates, der entscheidet, welche Bands im grossen Konzertsaal in Moskau jeweils auftreten dürfen. Eines Nachts macht Mike die Bekanntschaft mit dem Musiker Viktor Tsoï (Teo Yoo). Der Junge hat definitiv Talent, und so nimmt Mike ihn unter seine Fittiche. So hilft er Viktor beim Schreiben von Songtexten und geht auch mal auf die Bühne, um den jungen Musiker zu unterstützen.

Drei Russen ohne Kontrabass...
Drei Russen ohne Kontrabass... © Xenix Filmdistribution GmbH

Dass allerdings Mikes Frau Natasha (Irina Starshenbaum) sich plötzlich für Viktor interessiert, damit konnte er nicht rechnen. Doch wirklich aufregen tut dies Mike nicht. Als seine Frau ihn eines Abends fragt, ob sie Viktor küssen dürfe, hat er keine grossen Einwände. Was jedoch kritisch werden könnte, ist Viktors rebellische Art, die allen Beteiligten Probleme mit den Behörden bringen könnte.

Leto ist ein interessantes Zeitdokument der Rockszene Russlands in den Achtzigern, das sich mit einer mühsamen Dreieckskiste immer wieder selbst den Wind aus den Segeln nimmt. Nach coolen Videoclip-artigen Musiknummern wird es schnell immer wieder langweilig. Ach ja: Mit Jared Leto hat dies übrigens gar nichts zu tun.

Leto ist eigentlich ein perfekter Film über das Thema, das er zeigt: Es geht um Rocker in Russland in den Achzigern und darum, wie diese nur mit angezogener Handbremse performen durften. In einer der ersten Szenen des Filmes wird sogar das Publikum kontrolliert, damit die Fans nicht zu sehr abgehen und gerade mal so sehr mitwippen wie bei einem Song in einer Peach-Weber-Vorstellung. So ist dann auch der Film: Er ist im Grunde genommen schon cool, doch kriegt er nicht viel Gelegenheit, voll abzugehen.

Es gibt immer wieder Momente in dem neuen Film des in seiner Heimat derzeit unter Hausarrest stehenden Russen Kirill Serebrennikov, bei denen man aufspringen und mitfeiern möchte. Da werden einmal Rocker in einem Zug von ein paar engstirnigen Männern angemacht, und die Reaktion der Musiker besteht darin, einen Song anzustimmen. Inszeniert ist das wie ein Videoclip inklusive eingefügter Animationen. Doch solche wilden Szenen im starren Russland? Das kann doch gar nicht sein. Und so hält am Ende des Songs eine Figur ein Schild hoch, auf dem steht, dass dies so nie passiert sei.

Das gefällt ausserordentlich gut und macht Laune, genau wie auch die Szenen, in denen die Musiker beim Aufsichtsrat des Moskauers Konzertsaals antraben müssen. Diese sind dort gezwungen, ihre Texte zu rechtfertigen und zu erklären, wie diese nicht verrohend wirken, sondern zum Gemeinwohl beitragen. Ein spannender Einblick in eine noch selten gezeigte Musikindustrie.

Doch leider dreht sich in Leto zu viel um eine Menage-à-trois, wobei die Absichten des Regisseurs ziemlich offensichtlich sind. Rockstar Mike hat sich mit dem System Russland arrangiert und ist zufrieden mit seinem langweiligen Leben mit Frau und Kind. Der junge Wilde Viktor hingegen rebelliert gegen das System und wird deshalb für Mikes Frau schnell mal interessant. Es geht Serebrennikov darum, wie hier zwei Ideologien aufeinandertreffen.

Dies ist aber etwas gar träge inszeniert und zudem recht repetitiv, sodass die Luft nach jeder mitreissender Songnummer schnell wieder draussen ist. Die Lieder sind wahrlich eine Wucht - egal ob auf Russisch oder Cover-Versionen von bekannten Hits wie Iggy Pops "The Passenger".

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:13