Der Läufer (2018)

Der Läufer (2018)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Immer weiter, immer weiter...

"Gring ache u seckle"
"Gring ache u seckle"

Für den jungen Langstreckenläufer Jonas Widmer (Max Hubacher) zählt nur das Gewinnen. So ist er überaus frustriert, als er bei der letzten Ausgabe seines Heim-Rennens nur auf dem zweiten Platz landet. Eine Niederlage, die äusserst schmerzt. Deutlich härter trifft Jonas jedoch der Selbstmord seines Bruders Philipp (Saladin Dellers), der ihn jeweils beim Lauftraining und auch bei den Rennen mit dem Velo begleitete und unterstütze.

You blue my mind, Jonas
You blue my mind, Jonas

Trotzdem muss es für Jonas immer weiter gehen. Der Olympia-Marathon ist sein grosses Ziel. Doch dann bekommt er aufgrund einer Verletzung ein Trainingsverbot aufgebrummt. Er versucht, sich auf seinen Job als Koch und seine Freundin Simona (Annina Euling) zu konzentrieren, doch wird er ständig von Erinnerungen an seinen Bruder geplagt. Als er eines Abends einer Frau, die gestürzt ist, zur Hilfe eilen möchte und dann nur von ihr angeschnauzt wird, begeht Jonas eine Tat, die zu einem Doppelleben führen wird.

Das Langfilmdebüt von Hannes Baumgartner heftet sich an die Fersen eines erfolgreichen Langstreckenläufers, der zum Mörder wird. Basieren tut das auf dem Fall Micha Ebner, doch wurden für den Film alle Namen geändert. Mit Der Läufer ist ein mutiger Schweizer Film entstanden, der mit seiner Erzählweise und der Inszenierung seinen eigenen Weg geht und damit Erfolg hat. Ein richtiggehend beklemmendes Drama mit einem grandiosen Max Hubacher (Der Verdingbub) in der Hauptrolle.

Obwohl der Protagonist in Hannes Baumgartners Langfilmdebüt Jonas Widmer heisst, basiert der Film auf den Taten von Mischa Ebner, der im Jahre 2001 und 2002 im Raum Bern Frauen ausraubte, verletzte und in einem Fall sogar tötete. Eine schreckliche Person. Und genau an die Fersen eines solchen Mannes heftet sich die Kamera in Der Läufer.

Das mag definitiv nicht jedermanns Sache sein. Doch Baumgartner interessiert sich nicht für die Gewaltakte, sondern für die Psyche des Täters. Er versucht zu verstehen, wie eine Person zu solchen Taten fähig ist. Der in Männedorf geborene Regisseur ist ganz nah dran und zeigt eine innerlich zerrisene, traumatisierte Figur, für die es immer nur nach vorne geht und die trotz viel Unterstützung immer mehr in die Isolation rennt.

Das ist von Max Hubacher eindringlich gespielt. Nach Der Hauptmann, der nie in den Schweizer Kinos gelaufen ist, gibt der 25-jährige Berner erneut eine Performance zum Besten, bei der es den Zuschauern kalt den Rücken runterläuft. Ebenfalls überzeugend sind Annina Euling als Freundin von Jonas sowie der Schweizer Shooting-Star Luna Wedler (Das Schönste Mädchen der Welt) in der Rolle einer Koch-Lernenden

Er sei jedoch erwähnt, dass Der Läufer kein Killer-Thriller à la Seven und auch kein Skandal-Fest wie Lars von Triers The House that Jack Built ist. Der Film ist ein Drama und dabei mit Ausnahme eines etwas billig wirkenden Jump-Scares äusserst ruhig, was auch ein paar Längen im Mittelteil zur Folge hat. Es wird sehr sensibel mit den Themen umgegangen. Passend dazu wurde komplett auf eine Musikuntermalung verzichtet, was dem Ganzen einen dokumentarischen Touch gibt.

Baumgartner und Drehbuch-Langfilmdebütant Stefan Staub verzichten darauf, abschliessende Antworten zu liefern und haben sich für ein relativ offenes Ende entschieden. Laut dem Regisseur sei es ein menschlicher Reflex, dass man nach einer plausiblen Erklärung suche, damit das Schreckliche nicht länger unerklärt bleibe. Auch aufgrund dieses Verzichts ist Der Läufer ein starker und mutiger Schweizer Film, der die Zuschauer noch eine Weile begleiten wird.

/ crs

Kommentare Total: 4

gascoigne

"Der Hauptmann" dreht seine Runden

Narcissus

ich gebe eine aufgerundete 4.
+ super hauptdarsteller
+ realistisch und nachvollziehbar (kein schnickschnack)
+ film bleibt länger in erinnerung
+ man hat lust sich über die echte geschichte zu informieren

- stimmung ohne musik oder atmosphärische klänge (hätten viel mehr rausholen können)
- an gewissen stellen langatmig

jon

Sorry, aber der einzige Weg, den Hannes Baumgartner gegangen ist, ist der des geringsten Widerstandes. Die Geschichte ist sowas von linear, unkreativ und vorhersehbar erzählt, dass man sich zuweilen in einem TV Drama wähnt. Jede Szene hat man in dieser Art schon anderswo gesehen (zT letztes Jahr in Goliath), die eingestreuten Flashbacks sind repetitiv und die Nebenfiguren blass. Fallbeispiel: Jonas' Freundin ist eine charakterlose, reaktive Schablone, wie sie in vielen von Männern verfassten Drehbüchern vorkommt.

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