The Scoundrels - Kuang tu (2018)

The Scoundrels - Kuang tu (2018)

  1. 105 Minuten

Filmkritik: Mitgegangen, mitgefangen

20. Neuchatel International Fantastic Film Festival 2021
Nicht auf dem Bild: «Kick me»-Zettel auf dem Rücken.
Nicht auf dem Bild: «Kick me»-Zettel auf dem Rücken. © NIFFF

Nach einem üblen Wutanfall, bei dem er einen Zuschauer verprügelte, steht der Basketballstar Ray (J.C. Lin) auf der Strasse. Er verteilt Parkbussen und trackt die gebüssten Autos. Diese werden dann von einem Ring von Autodieben gestohlen. Auf der Strasse erblickt er eine schwer verletzte junge Frau, die er ins Krankenhaus bringen will. Auf dem Weg dahin wird er jedoch von Ben (Kang Ren Wu), einem Bankräuber in schwarzer Lederjacke und Motorradhelm, angehalten und gezwungen, die Frau abzusetzen und mit ihm weiterzufahren.

Zuerst sucht er nach einem Weg, den Kriminellen loszuwerden. Doch dieser zieht ihn immer weiter in den dunklen Sumpf der taiwanesischen Unterwelt. Nach und nach verfällt Ray aber den Charme von Ben, denn während Ray sein Leben komplett aus den Augen verloren hat, lebt Ben ein scheinbar sorgloses Leben. So bemerkt er auch, dass er der kriminellen Szene nicht so abgeneigt ist, wie er eigentlich dachte.

Der Film von Tzu-Hsuan Hung erzählt eine interessante Geschichte über zwei ungleiche Kriminelle. Zwar zieht sich der letzte Akt und es wird zu viel mit Flashbacks zu Tode erklärt, aber die beiden Protagonisten spielen ein gutes Spiel. Getragen wird das Ganze weiter von toll inszenierten Actionszenen mit Verfolgungsjagden und Prügeleien, wobei vor allem letztere stark umgesetzt sind und beim Zuschauen stellenweise richtig wehtun. Ausserdem sieht er sehr ansehnlich aus. The Scoundrels ist also ein solider, mehrheitlich kurzweiliger Actioner mit einer passablen Geschichte.

In seinem Langfilmdebüt steckt Tzu-Hsuan Hung zwei ungleiche Kriminelle in eine verregnete, düstere Ecke Taiwans - und lässt sie dazwischen prügeln bis zum Umfallen. Genau von diesen zwei Punkten, den brachialen Actionszenen und der Beziehung der beiden Protagonisten, lebt The Scoundrels am meisten.

Dass ein Entführter seinem Entführer verfällt, ist ein bekannter Trope. Durch die Charakterisierung der beiden Protagonisten - dem Mysterium um Ben, der von der lokalen Presse «Raincoat Robber» genannt wird, und der von Wut geprägten Natur Rays - funktioniert dies gut. Man fiebert mit Ray mit und hofft, dass er seinen inneren Konflikt in den Griff kriegt. Die Geschichte rundherum befriedigt nicht abschliessend. Geschuldet ist dies zum einen dem sich enorm ziehenden Endakt und zu anderen den zahlreichen Flashbacks, die jede Verbindung doppelt und dreifach erklären müssen, auch wenn dies keineswegs notwendig wäre.

Handwerklich gibt's an The Scoundrels sonst aber wenig auszusetzen. Die reduzierte, düstere Farbpalette unterstreicht die Thematik und die Action «fetzt». Neben einigen interessanten Kameraspielereien in den Kämpfen und Verfolgungsjagden überzeugen vor allem die Choreografien. Sie sind nicht gerade auf dem Level der überzeichneten Raid-Filme, sondern orientieren sich eher an den Hong-Kong-Filmen der Achtziger. Die Action ist aber toll gefilmt und tut beim Zuschauen stellenweise richtig weh - so wie's bei Prügeleien in Filmen auch sein soll. Hollywood kann sich da ein grosses Stück bei diesem taiwanesischen Actioner abschneiden.

Nicolas Nater [nna]

Nicolas schreibt seit 2013 für OutNow. Er moderiert seit 2017 zusammen mit Marco Albini den OutCast. Ausser für Geisterbahn-Horrorfilme, überlange Dramen und Souls-Games ist er filmisch wie spielerisch für ziemlich alles zu haben. Ihm wird aber regelmässig vorgeworfen, er hätte nichts gesehen.

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