Der Klang der Stimme (2018)

Der Klang der Stimme (2018)

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  2. 82 Minuten

Filmkritik: «En Ton lügt nöd»

We're so excited!
We're so excited! © Xenix Filmdistribution GmbH

Der eine produziert die unmöglichsten Klicklaute mit seinem Mund, eine andere ist auf der Suche nach dem «360-Grad-Sound». Jemand gibt ein «Upupupupupupu» von sich, ein anderer jagt stimmliche Phänomene. Wenn man sich Andreas Schaerer, Regula Mühlemann, Miriam Helle und Matthias Echternach anschaut, wird einem nichts Aussergewöhnliches ins Auge springen. Wenn man ihnen aber zuhört, wird binnen Sekunden klar, dass bei ihnen allen etwas Besonderes vonstatten geht.

I have seen your heart and it is mine!
I have seen your heart and it is mine! © Xenix Filmdistribution GmbH

Worin liegt die Kraft der menschlichen Stimme? Welche Extremsituationen kann man mit ihr herbeiführen? Alle Mitglieder des oben genannten Quartetts arbeiten und forschen täglich mit der Stimme und wissen insbesondere, wie viele unbekannte Operatoren an ihrem Arbeitsgerät noch vorhanden sind. Denn jeder Schritt, mit dem sie sich ihrem Geheimnis zu nähern scheinen, entdeckt ihnen wiederum neue faszinierende Seiten. So bleibt ihnen vor allem etwas: weiterzuforschen und sich der Unerklärlichkeit der Kraft der menschlichen Stimme hinzugeben.

Dass er Fan des Mysteriums «Stimme» ist, gibt Der Klang der Stimme schnell zu und reiht interessante Ausflüge in verschiedene Berufe aneinander, die mit dem Instrument der menschlichen Stimme arbeiten. Im Grossen und Ganzen fügen sich die Trips jedoch zu einem beschränkt aufregenden Pop-Art-Bild zusammen: viermal dasselbe, aber eben in wortwörtlich unterschiedlicher Tönung. Die Esoterik dieses filmischen Ausflugs kann in Staunen versetzen und gleich darauf unsäglich auf die Nerven gehen. Basiswerk will der Film nicht sein, sondern Extrem- oder Grenzsituationen vor Ohren führen, die aufgrund seiner mosaikhaften Erzählweise aber nur teilweise zu packen wissen.

Drei arbeiten mit der Stimme, einer arbeitet über die Stimme: Diese Quadriga ins Feld führend, will der dokumentarisch angehauchte Streifzug durch Medizinvorlesung, Konzertlokal, Operettenprobe und Kreissaal das Geheimnis der menschlichen Stimme porträtieren. Wohl einerseits aus der Befürchtung heraus, zu trocken zu werden, verzichtet Regisseur Bernard Weber (Die Wiesenberger) auf wissenschaftliche Beschreibung, andererseits aber auch gerade deswegen, weil eine Technisierung der Vorgänge irgendwie dem Faszinosum nicht gerecht würde. Eine gewisse Grundfaszination für die menschliche Stimme setzt dieses psychologopädische Porträt nämlich definitiv voraus.

Es werden tomographische Bilder des Singvorgangs gezeigt, aber nur in Andeutungen ausgeführt, was geschieht. Der medizinisch und linguistisch ausgebildete Profi weiss damit sicherlich viel anzufangen, für den gemeinenen Zuschauer sind sie einfach mal spannend anzusehen und vor allem aufgrund ihrer Exotik ein Blickfang.

Die Hochschule bleibt aber nicht aussen vor. Dr. med. Echternach will den von Guinness-Buch-Girl Georgia Brown erzeugten unmenschlich hochfrequenten Tönen auf den Grund gehen. Doch als sowohl der Oberarzt als auch eine herbeigezogene Koryphäe auf diesem Feld im Zuge einer Erklärung klein beigeben müssen, hört sich das an wie eine Pro-forma-Resignation, die der Film pars pro toto für die gesamte Wissenschaft geltend machen will.

Der Klang der Stimme zeigt weniger Interesse daran, das Geheimnis der Stimme zu entziffern, denn es euphorisch zu beschreiben. Dass Euphorie nicht zwangsläufig an Euphonie gekoppelt ist, zeigen die Besuche bei Stimmtherapeutin Miriam Helle. Beim sogenannten Freisingen, dem Erlebnis, die Stimme frei zu gebrauchen, nähert man sich für einen kurzen Augenblick der Wiege der Menschheit an. Wie besessen krakeelen hierbei zivilisierte Menschen, jodeln, jammern, singen sich an und mit einem Mal wird die Enge des Korsetts menschlicher Soziokultur, das uns alle im Griff hat, spürbar und schnürt uns die Kehle zu. Es wird langsam aber sicher klar, wie stark verfremdet unser Bezug zur Stimme ist. Diese Einsicht lohnt sich nicht nur für Logopäden allemal.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:47