I Want to Eat Your Pancreas - Kimi no suizô o tabetai (2018)

I Want to Eat Your Pancreas - Kimi no suizô o tabetai (2018)

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  2. 108 Minuten

Filmkritik: Introvert vs. extrovert

17. Internationales Festival für Animationsfilm Fantoche 2019
Life is beautiful!
Life is beautiful!

Die 17-jährige Sakura leidet unter einer unheilbaren Bauchspeicheldrüsenkrankheit. Dennoch steckt sie voller Tatendrang, sie lässt sich von der Krankheit nicht die Lebensfreude nehmen. In ihrem Krankheitstagebuch schreibt sie täglich Einträge, führt eine Bucket-List mit Dingen und Orten, welche sie in ihrem Leben noch tun/sehen möchte. Denn Sakura weiss, dass sie an ihrer Krankheit sterben wird. Bei einem Spitalbesuch verliert sie ihr Tagebuch, der 19-jährige Haruki findet es und liest beim Durchblättern von Sakuras tödlicher Krankheit. Haruki selbst ist sehr introvertiert, sucht kaum den Kontakt zu Gleichaltrigen, spricht wenig und verbringt seine Zeit am liebsten mit Lesen. Genau das Gegenteil von Sakura, welche liebend gerne Dinge mit ihren Freundinnen unternimmt, viel spricht und mit Büchern überhaupt nichts anfangen kann.

Back to life, back to reality.
Back to life, back to reality.

Dennoch fühlt sie sich sofort zu Haruki hingezogen und versucht, ihn für die Durchführung der Aktivitäten auf ihrer Bucket-List zu gewinnen. Haruki ist nur mässig begeistert, lieber würde er sich hinter seinen Büchern verbergen und menschlichen Kontakt weiterhin meiden. Doch Sakura scheint ihm - im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen - nicht ganz gleichgültig zu sein, so verbringen die beiden fortan viel Zeit miteinander, gehen lecker Essen, spielen "Wahrheit oder Pflicht" oder kommen sich bei einem Feuerwerk näher. Haruki beginnt langsam, sich zu verändern, Nähe zuzulassen und Gefühle für Sakura zu entwickeln. Sakura hingegen setzt sich mit dem Ende ihres Lebens und den daraus entstehenden Fragen auseinander, geniesst die gemeinsame Zeit mit Haruki jedoch in vollen Zügen. Bis zum Tag, als der Worst-Case eintritt ...

Wie im ebenfalls 2019 erschienenen Anime Ride Your Wave geht es in I Want To Eat Your Pancreas um eine unglückliche Liebesgeschichte. Auch hier spielt der Tod eine wesentliche Rolle. Dass die ganze Story vor Süssigkeit nur so trieft wie ein Honigtopf, spielt dabei keine Rolle, denn die Charaktere sind interessant gezeichnet, überzeugen mit Wortwitz und Humor. Es wird richtig emotional, wenn Sakura Haruki umgarnt und aus sich herauslocken will oder als Haruki realisiert, dass er Sakura verlieren wird. Ein berührender Film, der sogar Nicht-Anime-Fans Freude bereiten dürfte.

I Want To Eat Your Pancreas ist nicht, wie der Titel es erwarten lassen könnte, ein Kannibalenfilm. Vielmehr geht es im Langfilm-Debüt des Japaners Shin'ichiro Ushijima um Krankheit, die Auseinandersetzung mit dem Tod und der Zeit, welche einem Menschen noch bleibt. Es ist eine Coming-Of Age-Liebesgeschichte, welche zum Drama avanciert. Sakura weiss, dass sie unheilbar krank ist und sterben wird, sie stellt sich eine Bucketlist mit den Aktivitäten zusammen, welche sie noch erlebt haben möchte, bevor ihre Zeit gekommen ist. Eine traurige Thematik, welcher sich der Regisseur einiger Episoden der TV-Anime-Serien One Punch Man und Death Parade hier widmet.

Dennoch schafft der Film - der nach der Manga-Version und einer Live-Action-Verfilmung schon die dritte Bearbeitung des zugrundeliegenden Web-Romans von Yoru Sumino ist - es souverän, der Thematik durch intelligente Charakterzeichnung, mit der nötigen Distanz (Haruki) und Gelassenheit sowie Frohmut (Sakura) zu begegnen. So entgeht man geschickt dem Schlag eines tonnenschweren Tragik-Hammers, welcher die Zuschauenden erdrückt und schafft es, eine positive, lebensbejahende Grundstimmung aufrecht zu erhalten. Dabei tritt die Krankheit nie in den Hintergrund oder geht gar vergessen, sondern tritt als ständiger Begleiter Sakuras auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Erst im Schlussteil des Filmes findet eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Schicksalsschlag statt, wo dann auch die vorangegangene Lockerheit etwas verloren geht.

Grösstenteils bekommen wir eine wunderbare, sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zu sehen, welche die beiden jungen Charaktere durchleben. Da dürfen natürlich gemeinsame Ausflüge, das Spiel "Wahrheit oder Pflicht" oder Selfies - von einigen Aktivitäten der beiden werden nur Standbilder im Stile einer Foto-Slideshow eingeblendet - nicht fehlen. Schön ist es mit anzusehen, welche Entwicklungen die Figuren während dieser gemeinsamen Zeit durchmachen.

I want To eat Your Pancreas ist eine Ode an Sakura, die japanischen Kirschblüte. Der Film beginnt im Frühling, just zu jener Zeit, in welcher die rosa blühenden Kirschbäume ihre volle Blütenpracht tragen. Diese Blüten sind vergänglich, sie fallen zu Boden, um kurz vor dem Sommer erneut zu spriessen. So sind in mehreren Szenen ganze Landschaften aus blühenden Kirschbäumen zu sehen, die Hauptcharaktere tragen sowohl die Bedeutung von "Frühlingsblume" als auch "Kirschblüte" in ihren Namen; Kirschblüte, welche für die Vergänglichkeit steht.

So entsteht ein äusserst unterhaltsamer Anime, welcher durch Story, Charakterentwicklung und Herz punktet, nicht durch Optik. Diese ist relativ unspektakulär gehalten, würde sonst aber auch von der Handlung ablenken. Der Soundtrack des modernen Animes stammt übrigens von der japanischen Rockband Sumika.

/ yab