Der Junge muss an die frische Luft (2018)

Der Junge muss an die frische Luft (2018)

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  2. 99 Minuten

Filmkritik: Bonjour Tristesse - bereits in jungen Jahren

Ich bin kein Mädchen, ich tu' nur so!
Ich bin kein Mädchen, ich tu' nur so!

Der 9-jährige Hans-Peter (Julius Weckauf) ist ein aufgeweckter, pummliger Junge und lebt zusammen mit seinem älteren Bruder Matthes (Jan Lindner) und seiner Mutter Margret (Luise Meyer) bei seiner Oma Änne (Hedi Kriegeskotte). Seinen Vater Heinz (Sönke Möhring) bekommt er nicht so oft zu Gesicht, da dieser als Schreiner ständig am Arbeiten ist. Ansonsten gilt die Familie mit der grossen Verwandtschaft, darunter Oma Bertha (Ursula Werner) und Opa Willi (Joachim Król), als feierwütig und lässt kein Fest aus. 1971 zieht es die Familie in die Stadt, Hans-Peter kommt in eine neue Schule und findet bald Anschluss an seine Klassenkameraden.

Ich werde immer für dich da sein.
Ich werde immer für dich da sein.

Der Junge verfügt über ein schauspielerisches Talent: Mit Nachahmen von Leuten schafft er es, seine Familie, insbesondere seine Mutter, zu unterhalten. Als Oma Änne schwer erkrankt, ist Hans-Peter darum bemüht, Momente des Frohsinns in die Trostlosigkeit zu bringen. Trotzdem ist er sich bewusst, dass seine Oma nicht mehr lange leben wird. Nach ihrem Dahinscheiden ist die Mutter gesundheitlich angeschlagen, nach einer Operation machen sie die Nebenwirkungen depressiv. Für Hans-Peter wird es schwieriger, seine Mutter zum Lachen zu bringen.

Mit Der Junge muss an die frische Luft folgt die zweite Buch-Verfilmung von Hape Kerkeling nach Ich bin dann mal weg und erzählt seine persönliche Geschichte aus seinen Kindheitsjahren. Caroline Link verfilmte den Stoff mit viel Substanz. Die Waagschale zwischen Fröhlichkeit und Trauer ist ausgeglichen und bietet jeweils viel Intensität. Grandios wie auch mitreissend ist dabei das Schauspiel des jungen, talentierten Darstellers Julius Weckauf. Ein berührendes, gelungenes Werk eines tragischen Lebensabschnitts.

Hape Kerkelings Reisebericht Ich bin dann mal weg wurde zum Bestseller. Der Komiker hat mit seiner persönlichen Geschichte viele Leser inspiriert. Dank seinem Buch bereisten viele Deutsche den Jakobsweg, um sich so selbst wiederzufinden. Mit Der Junge muss an die frische Luft offenbart Kerkeling ein weiteres Kapitel seiner Lebensgeschichte, das nun auch seinen Weg auf die Leinwand gefunden hat. Dass seine Kindheit trotz heiteren Momenten einen tragischen Abschnitt enthält, hatte er bis zur Veröffentlichung des gleichnamigen Buchs verschwiegen. Das filmische Output bietet so auch ein Wechselbad der Gefühle.

Ganz grandios ist dabei die schauspielerische Leistung des jungen Julius Weckauf. Die Imitationen, die er von sich gibt, sind einfach köstlich anzusehen. Wenn man Hape Kerkeling als Komiker kennt, sieht man sofort, dass Weckaufs Darbietung ihm sehr nahe kommen. Da lacht nicht nur die Filmfamilie, sondern auch der Zuschauer. Diese komödiantischen Albernheiten entdeckte er in seinen Kindesjahren und setzte sie danach bewusst als Komik ein. Gerade dieses Talent wirkt bei Julius Weckauf aussergewöhnlich und authentisch zugleich.

Wunderbar ist auch der restliche Cast mitanzusehen, die ihre Rollen realitätsnah verkörpern, ohne in Überschwänglichkeit zu verfallen. Herausragend ist beispielsweise Hedi Kriegeskotte als Oma Änne, die mit ihrer Präsenz und ihren Anekdoten heraussticht. Von ihr nahm sich Kerkeling den Satz "Was man will, das soll man tun, egal was die anderen sagen" zu Herzen. Auch Luise Meyer als Mutter Margret, die sich als hingebungsvolle Mutter zeigt, ist herzerwärmend anzusehen. Echt wirkt auch ihre Wandlung, als sie in die Depression fällt und mit ihrer Krankheit zu kämpfen hat.

Der thematische Kernpunkt von Der Junge muss an die frische Luft ist die enge Bindung zwischen dem Jungen und seiner Mutter. Zu Beginn ist sie herzlich, fröhlich und heiter und mündet dann ins Tragische, wo es dann zu einem abrupten Abbruch kommt. Diese Elemente hinterlassen jeweils einen sehr intensiven Eindruck; besonders die traurigeren Aufnahmen sind äusserst gelungen. Jedoch schwenkt der Film bald wieder in Richtung Hoffnung und die Heiterkeit kommt wieder ins Spiel. Hier kommen die Nebencharaktere der Oma Bertha, Opa Willi und Opa Hermann (Rudolf Kowalski) zum Zuge, die den Film wieder beschwingen. Unter anderem offenbart sich hier die Inspiration zu einem Charakter, den Hape Kerkeling in seiner späteren Bühnenlaufbahn ins Leben gerufen hat.

Das Wechselbad der Gefühle ist bemerkenswert und mit dem authentischen Setting und den formidablen Darstellern stimmig. Das Schauspiel von Julius Weckauf ist spitze und alleine schon wert, den Film zu sehen. Einfach eine grossartige Buchverfilmung.

/ sen

Trailer Deutsch, 02:07