Juliet, Naked (2018)

Juliet, Naked (2018)

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  2. 105 Minuten

Filmkritik: American Idol

14. Zurich Film Festival 2018
"Seit wann genau sind Hawaiihemden nicht mehr angesagt?"
"Seit wann genau sind Hawaiihemden nicht mehr angesagt?"

Annie (Rose Byrne) ist bald 40 und hat das Gefühl, die letzten 15 Jahre ihres Lebens verschwendet zu haben. Sie lebt in einer verschlafenen englischen Küstenstadt, ihre Arbeit langweilt sie, und ihr Lebenspartner Duncan (Chris O'Dowd) interessiert sich mehr für sein Idol als für sie: den amerikanischen Rocksänger Tucker Crowe (Ethan Hawke), der in den Neunzigern mit dem Album "Juliet" erfolgreich war, nun aber seit langem verschollen ist. Duncan vergöttert den Musiker als eine Art Heiligen und unterhält sich in Internet-Fanforen mit Gleichgesinnten über Theorien zu dessen Verbleib. So bleibt keine Zeit für ein Kind, auch wenn Annie eigentlich gerne eines gehabt hätte.

Handshake vor dem Hahnenkampf
Handshake vor dem Hahnenkampf

Eines Tages erhält Duncan unveröffentlichte Studioaufnahmen von Tucker Crowe zum Review, die den Albumtitel "Juliet, Naked" tragen. Um ihrem Partner eins auszuwischen, schreibt die genervte Annie auf Duncans Fan-Seite einen Verriss zu dem Album. Sie denkt sich weiter nichts dabei, doch einige Tage später staunt sie nicht schlecht, als sie ein E-Mail erhält, in dem der Absender Annies Kritik lobt und ihr bekräftigt, sie habe den Nagel auf den Kopf getroffen. Unterschrift: Tucker Crowe...

Nein, Nacktszenen gibt's nicht in Juliet, Naked. Denn diese moderne Rom-Com eignet sich für die ganze Familie und ist somit garantiert jugendfrei. Mit seiner Nick-Hornby-Verfilmung gelingt Jesse Peretz ein charmanter Film mit dem Herz am richtigen Fleck und gut aufgelegten Schauspielern - auch wenn man letzten Endes den Eindruck nie ganz los wird, dass aus dieser etwas gesuchten, aber amüsanten Ausgangslage noch ein klein wenig mehr gemacht hätte werden können.

Wenn fiktive Rockstars in Filmen als Protagonist auftreten, stellt sich für die Filmemacher die Frage, wer denn nun die Songs schreibt, damit sie einigermassen als Hits durchgehen. Juliet, Naked hat das Problem relativ elegant gelöst und namhafte Musiker wie Robyn Hitchcock und Ryan Adams engagiert, die extra für den Film neue Songs geschrieben haben. Performt werden sie im Film von Tucker-Crowe-Darsteller Ethan Hawke himself. Das ist durchaus hörenswert, man kann die manische Begeisterung - oder eher Bessessenheit - von Chris O'Dowd alias Duncan zumindest ansatzweise nachvollziehen.

Der irische Schauspieler gibt hier sozusagen die erwachsenere Version seiner Rolle, die ihn bekannt gemacht hat: die des verschupften Nerds aus The IT Crowd. Alleine der verklärte Blick, wenn er den Klängen seines Idols lauscht, ist ein Lacher. Ebenso ist es sein skurriles Fanforum, in dem er sich mit anderen Crowe-Jüngern über abstruse Theorien auslässt.

Natürlich freut man sich als Zuschauer auf den Moment, in dem er dann endlich mit dem realen Tucker Crowe zusammentrifft - dass dieser Moment kommt, ist sonnenklar und kann deshalb auch ohne Spoilerwarnung verraten werden. In komödiantischer Hinsicht hätte aber etwas mehr aus diesem Aufeinandertreffen gemacht werden können. Dennoch ist es stimmig und wirft obendrein noch einige spannende Punkte zum Nachdenken auf hinsichtlich der Frage, wem ein künstlerisches Werk nun letztendlich "gehört": den Künstlern oder den Fans. George Lucas kann hier ein Liedchen davon singen.

Aber eigentlich sind sowohl Hawke als auch O'Dowd nur die Nebendarsteller, der Film gehört nämlich Rose Byrne als Annie. Auch wenn die beiden Männer die meisten Pointen für sich verbuchen können - bei Hawke alias Tucker Crowe ist vor allem seine komplizierte Familiensituation mit Kindern von verschiedenen Frauen ein wiederkehrender Quell der Komik -, so vermag die australische Schauspielerin den Film zu tragen. Man nimmt ihr die leicht frustrierte Bald-Vierzigerin ab, die ihr Leben irgendwie an sich vorbeiziehen sieht. Die zweite Frauenfigur, diejenige ihrer lesbischen Schwester, wirkt hingegen ein wenig, als wolle man sich der LGBT-Community anbiedern. Immerhin kann man dabei diskutieren, ob der Film den Bechdel-Test nun besteht, wenn zwei Frauen zwar nicht über einen Mann sprechen, aber über ein weibliches Lustobjekt.

Wie auch immer die Antwort darauf ausfallen mag, im engeren Sinne feministisch ist diese Rom-Com nicht, zumal sowohl der Regisseur, Ex-Lemonheads-Bassist Jesse Peretz, als auch Nick Hornby, Autor der Buchvorlage, männlichen Geschlechts sind. Doch kann der Film durchaus auch als Statement für ein zeitgemässes Frauenbild gelesen werden. Davon zeugt auch ein Ende, das erfrischend anders ist als das Schema F aus Hollywood. Das tröstet auch darüber hinweg, dass die Prämisse des Filmes schon ein klein wenig weit hergeholt ist. Denn mal ehrlich, wer schreibt einem Unbekannten solch gleichermassen intime wie auch elegant formulierte Mails? Eben.

/ ebe

Kommentare Total: 2

yan

Auf Dauer ziemlich ermüdende Lovestory, die zwar etwas entfernt von Hollywood-Klischees agiert, aber nie an die Dialogtiefe der grossen Genrebeiträge wie z.B. die Before-Trilogie heranreicht.

ebe

Filmkritik: American Idol

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