In den Gängen (2018)

In den Gängen (2018)

  1. 125 Minuten

Filmkritik: Zwischen Chips und Bierkästen

68. Internationale Filmfestspiele Berlin 2018
Was der wieder vom Stapel lässt...
Was der wieder vom Stapel lässt...

Christian (Franz Rogowski) ist der Neue. Seinen Job auf dem Bau hat er verloren, im Grossmarkt fängt er als Lagerarbeiter neu an. Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung wird sein Kollege. Er soll ihn in alle wichtigen Abläufe einarbeiten und ihm das Gabelstaplerfahren beibringen. Er wird für Christian zum väterlichen Freund. Nur langsam erschliesst sich Christian die fremde Welt des Marktes. Anfangs hat er seine Probleme mit dem Staplerfahren, doch irgendwann hat er den Dreh raus.

Der wahrscheinlich kleinste Geburtstagskuchen der Welt
Der wahrscheinlich kleinste Geburtstagskuchen der Welt

Bei den Süsswaren im Gang nebenan arbeitet Marion (Sandra Hüller). Im Gegensatz zu Christian ist sie redselig, macht ihre kleinen Scherze auf seine Kosten. Doch das hindert ihn nicht daran, sich in sie zu verlieben. Der Kaffeeautomat wird zu ihrem festem Treffpunkt. Eine Kollegin informiert ihn darüber, dass Marion verheiratet sei, leider nicht sehr glücklich. Auch das schreckt ihn nicht ab. Als Marion plötzlich nicht zur Arbeit kommt, fällt Christian in ein tiefes Loch. Er betrinkt sich und kommt zu spät zur Arbeit. Während sich der ganze Markt ein Glück der beiden herbeisehnt, beschliesst Christian, nicht lockerzulassen.

In den Gängen ist eine gelungene Mischung aus Drama, Tragik und Romantik, immer wieder mit viel Humor gespickt. Der Film blickt hinter die Kulisse eines Grossmarktes, bringt die Angestellten näher. Zwei Figuren stehen im Fokus, Christian und Marion. Die zwischen langsam enstehende Beziehung ist der rote Faden des Films. Das ist berührend und fast zärtlich.

Während der Grossteil der Bevölkerung schlafen geht, geht es im Grossmarkt erst richtig los. Zu den Klängen von Strauss' «Auf der schönen blauen Donau» zieht ein Gabelstapler seine einsamen Runden durch die lichtgedämpften Gänge des Marktes. Vorbei geht es an meterhoch gestapelten Süsswaren, an Getränken oder Nudeln. Ruhig ist es hier, eine besondere Atmosphäre fern des tagsüber herrschenden Gewusels. Mit leisem Summen ziehen die Gabelstapler ihre Runden.

Regisseur Thomas Stuber schrieb gemeinsam mit Clemens Meyer das Drehbuch zum Film. Es basiert auf Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte «In den Gängen», die er 2008 in seinem Erzählband «Die Nacht, die Lichter» veröffentlichte. Der Autor hatte selbst drei Jahre als Gabelstaplerfahrer in einem Grossmarkt gearbeitet. 2015 erhielten die beiden für das Filmskript bereits den Deutschen Drehbuchpreis. Der Film ermöglicht uns einen Blick hinter die Kulissen eines Grossmarkts irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Er zeigt die Angestellten, beleuchtet sie näher, schaut hinter die Kulissen, aber stets ohne Aufdringlichkeit.

Viel Zeit lässt sich Stuber damit, diese eigene kleine Welt und ihre Figuren vorzustellen. Langweilig wird das nie, es gibt sogar recht viel zu lachen. Hier herrschen eigene Gesetze, man hat seine eigene Sprache und Floskeln, seine festgefahrenen Routinen. In diese kleinen Familie wird der von Franz Rogowski (Victoria) verkörperte Christian als Neuer nun langsam aufgenommen. Er ist ein ganz Stiller, redet nicht viel, ist aber stets aufmerksam und vor allem fleissig. Immer mal wieder ertönt seine Stimme aus dem Off, sie erklärt Situationen oder Ereignisse. Man begleitet ihn auf seinem Weg, ein fester Teil des Teams zu werden, verfolgt seine Arbeit und lernt seine Kollegen besser kennen.

Ein paar Figuren bringt der Film uns etwas näher, zum Beispiel. Bruno, mit dem er zusammenarbeitet, oder Marion, die für die Süsswaren verantwortlich ist. Die zufälligen kleinen Begegnungen mit Marion, gespielt von Sandra Hüller (Toni Erdmann), zwischen den Gängen oder im Pausenraum haben etwas ungemein Vertrautes, obwohl sich beide nicht kennen. Die Begegnungen zwischen den beiden sind unglaublich rührend, durch sie scheint Christian immer wieder Kraft zu schöpfen.

Thomas Stuber gelingt es, eine wunderbare Balance zwischen Humor, Tragik und Romantik zu schaffen, den Figuren viel Platz zu geben, ihre Gefühle zu entwickeln und zu zeigen. Er schärft den Blick für Alltägliches sowie für kleine wichtige Dinge. Nähe und Distanz wechseln sich ab in diesem Mikrokosmus. In den Gängen ist ein sehr authentischer Film, sehr zärtlich, der trotz der eher zweckmässigen Kulisse, in der er spielt, viel Wärme ausstrahlt.

/ jst

Kommentare Total: 3

Conor

Schweigende Gesichter erklären die Welt.

jon

Das Setting ist ja total stimmungsvoll und die Figuren süss, aber beim Drehbuch fehlte schlicht die Story. Möchte man einen ruhig und lakonisch erzählten Film à la Kaurismäki machen, dann braucht es trotzdem (oder umso mehr) genügend gute Einfälle. Inbesondere wenn man die Sache auf 125 Minuten streckt.

jst

Filmkritik: Zwischen Chips und Bierkästen

Kommentar schreiben

Trailer Deutsch, 01:52