The House That Jack Built (2018)

The House That Jack Built (2018)

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  3. 155 Minuten

Filmkritik: Ein langer Film über das Töten

71e Festival de Cannes 2018
Guguuseli!
Guguuseli! © Concorde Filmverleih GmbH

Amerika in den Siebzigern: Der Ingenieur Jack (Matt Dillon) ist hochintelligent - und ein Serienmörder. Die Liste seiner Opfer reicht von einer Zufallsbekanntschaft (Uma Thurman), die er auf der Strasse getroffen hat, bis zu Menschen, die ihm vermeintlich nahestehen. Denn Empathie kennt der Soziopath nicht. Und obwohl er sich gar nicht gross Mühe gibt, seine Spuren zu verwischen, kann er der Polizei immer wieder entkommen - auch durch seine unverfrorene Art und seine Ruhe, wenn mal etwas Unvorhergesehenes passiert.

"Kill Bill. Cooler Film! Kännsch?"
"Kill Bill. Cooler Film! Kännsch?" © Concorde Filmverleih GmbH

Einem mysteriösen Mann namens Verge (Bruno Ganz) erzählt Jack seine Geschichte anhand von fünf Vorfällen, die sich in seinem Leben ereignet haben. Dabei kommt er auch auf sein anderes grosses Projekt zu sprechen, das ihn seit Jahren umtreibt: ein perfektes Haus, das er am See erbauen möchte, wobei er aber immer wieder aufs Neue scheitert. Ob ihm Verge den richtigen Weg weisen kann?

Die Methode Lars von Trier nutzt sich langsam ein wenig ab. Mit den teilweise an den Haaren herbeigezogenen Metaphern und einigen hässlichen Gewaltdarstellungen bietet der Gewohnheitsprovokateur auch in seinem neuen Film viel prätentiöse Aufgeblasenheit. Doch abgesehen davon ist The House That Jack Built ein durchaus gelungenes Psychopathen-Porträt mit einem hypnotisch guten Matt Dillon, einer guten Portion makaberem Humor und einem tollen Ende - etwas zu lang, aber sehenswert.

Wer nicht weiss, wie man Dessertwein herstellt, findet in The House That Jack Built eine lehrreiche Minidokumentation. Spoiler: Es gibt drei unterschiedliche Methoden, wie man die Trauben süss werden lassen kann. "Aha. Vielen Dank. Und was hat das alles nun mit dem Serienmörder zu tun?", mögen sich die geneigten Leser fragen. Nun, dafür muss man den Film schauen und gut aufpassen. Der Dessertwein ist nur eine von vielen mehr oder weniger abstrusen Metaphern, die der Protagonist beizieht, um seine Faszination für das Töten zu erklären. Und dabei erinnern wir uns auch schmerzhaft daran: Ja, wir sind hier in einem Lars-von-Trier-Film. Und dass der Regisseur solche weit hergeholten Metaphern und Analogien liebt, wissen wir, seit er dies in Nymphomaniac fast bis zum Exzess getrieben hat. Statt um Sex geht es jetzt einfach um das Töten.

Diese Abschweifungen müssen wohl einfach als notwendiges Übel akzeptiert werden, auch wenn sie immer wieder aus der Handlung rausreissen. Dabei wäre dieses in stylisches Seventies-Setting eingebettete Serienkiller-Psychogramm eigentlich durchaus interessant. Und die perfekte Plattform für eine grossartige Performance von Matt Dillon. Genau zwanzig Jahre nach There's Something About Mary und Wild Things gibt er wohl hier die Performance seines Lebens. Sein psychopathischer Jack ist ein Pulverfass, von dem man nie weiss, wann es explodiert.

Als Sparringpartner dient ihm dabei Bruno Ganz, der während der meisten Zeit nur als Stimme und erst gegen Ende in Person auftritt. Auch diese Confess-Story-Rahmenhandlung erinnert an Nymphomaniac. Allerdings wird diese wesentlich besser aufgelöst. Wenn auch von-Trier-üblich dick und bedeutungsschwanger aufgetragen, ist das schwarzhumorige Ende durch und durch gelungen und trumpft mit einer umwerfenden Wahl für den Endcredit-Song auf. Welcher Song das ist? Na, selbst anschauen!

Spätestens am Ende wird dann auch deutlich: Von Trier hat Humor, auch wenn dieser etwas makaberer ist als derjenige von Otto Durchschnittsverbraucher. Diesen Humor lässt er während des gesamten Filmes immer wieder einfliessen. So können auch die Gewaltdarstellungen etwas abstrahiert betrachtet werden. Denn ja, natürlich muss in einer Review zu einem solchen Film auch auf diese hingewiesen werden. Seit dem kontroversen Antichrist ist man sich allerlei Unappetitliches gewohnt vom Regisseur. Auch hier kommen wieder einige ziemlich widerwärtige Szenen vor, die bei einigen Zuschauern wohl eine rote Linie überschreiten.

Allerdings machen diese Szenen nur einen kleinen Teil des in fünf (Mord-) Episoden und einen Epilog gegliederten Filmes aus und sind - im Gegensatz zu seinem obengenannten Film - kein Selbstzweck. Immerhin geht es ja um einen Serienkiller! Von Trier ist so gnädig, relativ schnell wegzuschneiden. Trotzdem müssten diese Szenen nicht wirklich sein. Aber dafür sind diejenigen Szenen, die den Gewaltexzessen vorangehen, die besten des Filmes. Matt Dillon zuzuschauen, wie er mit seinen Opfern spielt wie die Katze mit der Maus, ist zwar beklemmend, aber auf eine makabere Art auch faszinierend.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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